Biennale (1): »Intelligens. Natural. Artificial. Collective.« Die Architekturbiennale Venedig 2025 propagiert eine Baukultur, die sich der Klimakrise stellt und sich den radikal veränderten Umweltbedingungen anpasst. Mehr als 300 Projekte mit über 750 Teilnehmer bilden dabei einen Ausstellungsparcours am Rande der Überschaubarkeit Venedig (bis 23.11.25) – Wer auf der 19. Architekturbiennale Modelle, Pläne, Fotos von Bauwerken sucht, wird es nicht leicht haben. Denn es geht im Arsenale, im Ausstellungsbereich der historischen Werftanlagen der Lagunenstadt sowie in den Giardini mit den nationalen Pavillons weniger um die Darstellung von Architektur, sondern um die kritische Auseinandersetzung mit ihr. So trifft man hier auf aufgerissene Böden und die Wiedernutzung alter Materialien etwa in dänischen Pavillon. Dort auf eine Art Mobile mit Abfällen verschiedener Baustoffen oder auf ein in allen Katastrophenfällen einzusetzendes Notzelt aus extrem leichten Material in der Seilerei des Arsenals.
Wissenschaft
80 Jahre Kriegsende (2): Italien beginnt sich mit dem deutschen Widerstand auseinanderzusetzen, Deutschland tut sich immer noch schwer von Deserteuren der Wehrmacht zu erzählen, die aufseiten der italienischen Partisanen kämpften – neue Veröffentlichungen als Beiträge zum Aufbau einer europäischen Erinnerungskultur Mailand/Turin – 80 Jahre nach Kriegsende bleibt in Italien die Diskussion über die Rolle und die Bewertung der Resistenza und die Ereignisse der deutschen Besatzung lebendig. In den vergangenen Jahren wurde dazu in einigen Veröffentlichungen der Blick auf Deutschland und die Deutschen nicht nur auf die Täter gerichtet, sondern auch auf die, die gegen die Nazi-Diktatur opponiert hatten. Bei Laterza ist jetzt zum ersten Mal eine Art Gesamtüberblick über den deutschen Widerstand erschienen, der bereits im Titel eine gewisse Vorläufigkeit ausdrückt: „Storie della Resistenza tedesca“. Also „Geschichten“, nicht „Geschichte“ des Widerstands.
DER ERINNERUNG DER ANDEREN
80 Jahre Kriegesende (1): Italienische Debatten zum Jahrestag der Befreiung vom Nazifaschismus, die Rolle des antifaschistischen Widerstands und eine Veröffentlichung über die Geschichte der Resistenza des Historikers Santo Peli Mailand – Am 25. April 1945 zogen Partisanen in das von den deutschen Truppen verlassene Mailand ein. Das Comitato di Liberazione Nazionale Altaitalia CLNAI (Nationales Befreiungskomitee Oberitalien), das in der Stadt seinen Sitz hatte, rief zum Aufstand in allen noch von Faschisten und Besatzern kontrollierten Gebieten und zu landesweiten Streiks auf. Der 25. April wurde dann 1946 unter der ersten Regierung von Alcide De Gasperi zum Nationalfeiertag erklärt, um die totale Befreiung des Staatsgebietes zu erinnern und zu würdigen. Die Resistenza, die Rolle des bewaffneten Kampfes in Italien, der mit der Besatzung des Landes durch die Wehrmacht am 8. September 1943 begonnen hatte, und die Bedeutung des Antifaschismus für die Herausbildung eines republikanischen und demokratischen Staates nach dem Krieg sind Themen, die in der historischen Entwicklung Italiens der Nachkriegszeit eine grundlegende Geltung haben. Sie werden auch jetzt zum 80. Jahrestag der Befreiung vom Nazifaschismus diskutiert, zumal das Land in einer Koalition mehrheitlich von der Partei Fratelli Italia regiert wird, die aus der neofaschistischen Nachfolgeorganisation MSI hervorgegangen ist.
»DIE DEMOKRATIE HÄNGT VON UNS AB«
Die italienische Gesundheitsfürsorge hat sich von einem Modell zu einem Problem entwickelt. Das belegen die Buchveröffentlichung „Codice Rosso“ (Fuori Scena) oder aktuelle wissenschaftliche Analysen (Censis/Italiadecide) Mailand – Das italienische Gesundheitssystem, das auf der öffentlichen medizinischen Versorgung durch den Servizio sanitario nazionale (Ssn) beruht, ist in eine Krise geraten. Nach der Einführung 1978 galt der Ssn als eines der besten Systeme zur Gesundheitsfürsorge in der westlichen Welt. Nun zeigt es Risse. Eine gemeinsame Untersuchung der Forschungsinstitute Censis und Italiadecide macht dafür die Kluft zwischen steigender Nachfrage bei zunehmender Alterung der Bevölkerung und einer Verringerung des Serviceangebots durch Mangel an medizinischem Personal und eine Unterfinanzierung des Ssn durch die öffentliche Hand verantwortlich. Das Sachbuch „Codice Rosso“ von Milena Gabanelli und Simona Ravizza, das sich seit Wochen in den die Bestsellerlisten hält, beklagt zudem, dass das öffentliche Gesundheitssystem ein Privatgeschäft geworden sei. (So gleich im Untertitel: „Come la sanità pubblica è diventata un affare privato.“)
UNGLÜCK ALS GESCHÄFT
Im Theater: Marco Paolini (und Matthew Lenton) setzen sich mit Charles Darwin, seinen Notizbücher und der Rolle von Wissenschaft heute auseinander. Mailand (Piccolo Teatro und Tournee) – „Darwin, Nevada“ ist der Titel einer neuen Bühnenarbeit von Marco Paolini, die Ende Januar im Piccolo Teatro Strehler uraufgeführt wurde. Paolini, geboren 1956 in Belluno (Venetien) hat in der Nachfolge von Dario Fos „Mister Bufo“ Formen des narrativen Theaters weiterentwickelt. In sachlich gehaltenen Monologen, in denen er oft seinen heimischen Dialekt einsetzt, greift er gesellschaftliche Fragen, historische Chroniken wie zeitgeschichtliche Vorfällen auf. Nachdem er sich vor ein paar Jahren bereits mit einem Wissenschaftler wie Galileo Galilei auseinandergesetzt hatte, widmet er sich nun Charles Darwin und fragt nach der Rolle von Wissenschaft in der Gesellschaft. Diesmal geht er jedoch in Brechung seiner traditionellen Spielweise als Erzähler allein auf der Bühne eine Zusammenarbeit ein: Mit Matthew Lenton, Gründer des Theaters Vanishing Point (Glasgow), der im Gegensatz zu Paolini einer eher ästhetisch vermittelten Dramaturgie verpflichtet ist.
