Diogo Mainardi erzählt in „Der Fall“, wie sein Sohn mit einer schweren Behinderung aufwächst Venedig – Ein Ehepaar auf dem Weg zum Krankenhaus, das in der Scuola Grande di San Marco hinter der prächtigen, von Pietro Lombardo 1489 entworfenen Fassade untergebracht ist. Die Frau, hoch schwanger, hat Angst vor der Geburt, das Krankenhaus ist für Behandlungsfehler bekannt. Der Mann sagt: „Bei dieser Fassade nehme ich sogar ein verkrüppeltes Kind.“ Das Kind, Tito, wird falsch behandelt und leidet seitdem unter Zerebralparese. Muskelschwäche und spastische Lähmungen sind die Folge.Der Vater, der brasilianische Journalist und Schriftsteller Diogo Mainardi, fühlt sich schuldig an der Behinderung seines Kindes und wird gleichsam als neuer, anderer Mensch geboren: „Ich bin Titos Vater. Es gibt mich nur, weil es Tito gibt.“
Venedig
500 Jahre Ghetto (1) – ein Gespräch mit dem Historiker Romedio Schmitz-Esser vom Deutschen Studienzentrum Venedig Der Historiker und Kulturwissenschaftler Romedio Schmitz-Esser leitet das Deutsche Studienzentrum Venedig. Die interdisziplinäre Einrichtung, die hauptsächlich von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien finanziert wird, fördert seit 1972 wissenschaftliche Arbeiten und Projekte zur Geschichte und Kultur Venedigs und seiner ehemaligen Herrschaftsgebiete. Junge Wissenschaftler aber auch Künstler werden vom Studienzentrum mit Stipendien unterstützt. Laufende Forschungsprojekte reichen von den Beziehungen Venedigs und seines Hinterlandes mit dem asiatischen Raum im Mittelalter bis zur Unterdrückung des Jazz in Venedig während des Faschismus oder der Erarbeitung einer Luigi-Cherubini-Werkausgabe. Zu den Schwerpunkte im Jahr 2016 gehört auch die Auseinandersetzung mit der Geschichte des jüdischen Ghettos, das im März 1516, also vor genau 500 Jahren, von der Serenissima per Gesetz eingerichtet wurde. Es ist das erste Ghetto der Geschichte überhaupt.
„IN GEWISSER WEISE WAR VENEDIG AUCH EIN TOLERANTER ORT“
Carl Wilhelm Macke über: „Wenn Venedig stirbt“. Eine Streitschrift von Salvatore Settis „Venedig!“ Mit diesem Ausruf grenzenloser Entzückung beginnt Mark Twain seinen Bericht über einen Besuch in der Lagunenstadt. Und Rose Ausländer lässt ein viel zitiertes Gedicht mit dem tröstlichen Bekenntnis enden: „Mein Venedig versinkt nicht“. Unendlich viele Reiseberichte, Gedichte, Tagebucheintragungen, Erzählungen, auch Lieder und Filme wurden Venedig, der Serenissima, der heitersten aller Städte gewidmet. Ein Traum, ein Mythos, ein Sehnsuchtsort für Träumer, für Verliebte, für Melancholiker, für Kunsthistoriker, Künstler und solche, die es irgendwann einmal werden möchten.
WIDER DIE URBANE DEMENZ
Venedig, Mitte Januar 2016 – Nach der Festtagszeit, bevor die Karnevalswochen beginnen, atmet Venedig ein paar Tage durch. Durch engste Gassen kommen die Einwohner nicht nur früh morgens schnellen Schritts voran. Die Wollmützen weit über die Ohren gezogen. Auf den Vaporetti gibt es freie Sitzplätze. Mittags kann man auf den Bänken des Campo Santa Margherita den Sonnenschein genießen, der für kurze Zeit die kalte Jahreszeit vergessen lässt. Die Lokalpresse diskutiert über Sicherheitsmaßnahmen für den Karneval – Köln hat auch hier viele verschreckt.
In Venedig
Liechtenstein meldet sich auf der Kunstbiennale zu Wort Venedig (Palazzo Trevisan bis 1.11.) Die 56. Kunstbiennale von Venedig neigt sich ihrem Ende am 22. November zu, da macht ein kleines Land von sich reden. Liechtenstein, das bislang noch nie auf einer Biennale Arte vertreten war, zeigt jetzt bei einem Collateral Event in der Lagunenstadt zeitgenössische Kunst aus dem Fürstentum. Unter dem Titel „The Silver Lining“ will man der in diesem Jahr eher pessimistisch ausgerichteten Biennale mit ihrem Blick auf die „Trümmer der Geschichte“ (nach Benjamins Text „Angelus Novus“) einen „Silberstreifen“ am Horizont hinfügen.
