KUNST ALS GLOBALE HEIMAT


Mit dem Projekt Imago Mundi hat die Fondazione Benetton ein weltumspannendes Archiv der Gegenwartskunst aufgebaut. Dafür wurde jetzt in Treviso ein eigenes Museum eingerichtet ( – und in Triest ist eine weitere Ausstellung zu sehen).

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Die ganze Welt im kleinen Format – Imago Mundi Besucher in Triest

Treviso/Triest (bis 20.6. bzw. 2.9.) – Kunst überschreitet mentale wie geographische Grenzen. Zugleich stehen die einzelnen Werke im inneren Zusammenhang mit den Gesellschaften, in denen sie geschaffen werden. Diesen doppelten Aspekt spiegelt eine der erstaunlichsten Kunstsammlungen wieder, mit der unter dem Titel Imago Mundi bei der Fondazione Benetton seit etwa acht Jahren ein stetig wachsendes Archiv internationaler Gegenwartskunst entstanden ist. Grundlage sind originale Werke der bildenden Kunst in einem kleinen Format mit den Maßen 10 mal 12 Zentimeter, kaum größer als eine Handfläche.

Imago Mundi ist ein Projekt, das auf eine Idee von Luciano Benetton zurück geht. Es fußt auf nationalen Sammlungen, wobei jede Sammlung mit bis zu 210 Arbeiten ein Land, ein Volk, eine Sprachgruppe oder eine Gemeinschaft repräsentiert. Für einzelne Länder, Sprachen oder Gemeinschaften wurden jeweils Kuratoren gefunden, die bereits arrivierte wie auch junge talentierte Künstler baten, dem Archiv eine Arbeit zu überlassen. So sind bei Imago Mundi inzwischen 150 nationale Sammlungen aus aller Welt mit aktuellen Arbeiten von rund 25.000 Künstlern zusammen gekommen.

Mit Gängen, Gittern und Zellen

Eine jeweils kleine Auswahl zu bestimmten Themen wird auf wechselnden Wanderausstellungen gezeigt – zum Beispiel gerade in China. Nun hat Imago Mundi im Hinterland von Venedig in der Kreisstadt Treviso, wo die Benetton-Stiftung ihren Sitz hat, auch ein eigenes Museum gefunden – die Gallerie delle Prigioni. Dafür konnte unter der Leitung von Tobia Scarpa – dem Sohn des berühmten norditalienischen Architekten Carlo Scarpa – eine Gefängnis von der Mitte des 19. Jahrhunderts umgebaut werden. Tobia Scarpa ist es gelungen, den Charakter der Anlage mit Gängen, Gittern und Zellen soweit wie möglich zu erhalten und zugleich funktionale Räume für Ausstellungen zu gewinnen.

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Arbeiten aus der Sahara in den Gallerie delle Prigioni

Imago Mundi habe keinen kommerziellen Aspekt erklärt der junge, 1990 geborene Grieche Nicolas Vamvouklis, der zusammen mit Alexandra Etienne (Frankreich/Australien, geb. 1992) und Suzanna Petot (USA, geb. 1994) zum Kuratorenteam des neuen Museums in Treviso gehört. Alle drei wurden zuvor in der Benetton Kreativ-Akademie Fabrica ausgebildet. Imago Mundi sei ein demokratisches Projekt, denn, so Nicolas, „hier stehen international bekannte Künstler neben aufstrebenden. Alle werden gleich präsentiert, ob Meister oder Schüler.“ Und Alexandra setzt hinzu: „Uns interessieren bei dem Projekt Imago Mundi die kulturellen Unterschiede, die verschiedenen Arten zu kommunizieren.“ Es ginge darum, eine Weltkarte aus Kunstwerken zusammenzustellen. Eine stetig wachsende Karte, ergänzt Suzanna, „immer auf der Suche nach Alternativen, nach jungen Stimmen, die die Komplexität der Welt durch Kunst erforschen.“

Arbeiten eingeladener Künstler

Die formal abwechslungsreichen Arbeiten – Malereien, Zeichnungen, Collagen, Fotos, kleine Skulpturen, Objekte oder auch Texte – sind in Fächern von rund zwei Meter hohen Stellwänden aus Birkenholz untergebracht. Die Ausstellungselemente, die jeweils bis zu 35 Einzelarbeiten aufnehmen, dienen zugleich dem Transport. Imago Mundi war von vornherein auf Wanderausstellungen ausgerichtet. Das neue Museum präsentiert nun kleine Teile der Sammlungen in Rotation. Als Eröffnungsausstellung wird gerade in den Gallerie delle Prigioni unter dem Titel Sahara: What is written will remain eine Auswahl der Imago-Mundi-Sammlungen von Staaten und Volksgruppen rund um die Sahara – Algerien, Lybien, Mali, Niger und vom Stamm der Tuareg – gezeigt. Dazu werden einige Künstler aus den jeweils ausgestellten Ländern eingeladen, sich auch im großen Format zu präsentieren.

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Erinnerung an die lybische Revolution – Märtyrer auf Picknick-Tüten, eine Arbeit von Hadia Gana

Zum Beispiel Oussama Tabti (geboren 1988) aus Algerien. In seiner Installation mit Astgabeln und einem Lautsprecher erinnert er an den Musiker Mohamed El Badji, der 1957 während der Schlacht um Algier ins Gefängnis gesperrt wurde. Seine Wärter verhöhnten ihn als einen Finken und riefen ihm zu: „Sing, kleiner Vogel, sing“. Daraus entstand später der berühmte Song Maknine Ezzine. Die lybische Künstlerin Hadia Gana (geboren 1973) gedenkt mit Alltagsgegenständen, die wie zu einem Picknick arrangiert sind, an Märtyrer der lybischen Revolution. Aus Lybien stammt auch Takwa Barnosa (geboren 1998), die überschriebene Alltagsfotografien in Beziehung zum politischen und gesellschaftlichen Chaos ihres Landes setzt.

Kunst ist Politik

Der gesellschaftliche Aspekt von Kunst, so unterstreicht Nicolas Vamvouklis, sei in den Sammlungen von Imago Mundi mit Händen zu greifen. „Kunst ist politisch. Dieser Aspekt zieht sich durch alle Sammlungen. Die Arbeiten stellen sich ästhetischen Fragen aber genau so anthropologischen, historischen, soziologischen Fragen. Jede Sammlung bildet einen Querschnitt, formt ein künstlerisches Bild auch der politischen und sozialen Verhältnisse eines Landes.“

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Kurator Nicolas Vamvouklis

Das kann man gut nachvollziehen bei einer weiteren Ausstellung von Sammlungen, die gerade in Triest eröffnet wurde. Unter dem Titel Join the Dots/Unire le distanze – werden zum Beispiel Arbeiten aus Syrien gezeigt, die ein ganzes Ausstellungselement füllen: Smartphones auf denen jeweils verschiedene Kurzvideos mit Szenen aus dem Bürgerkrieg zu sehen sind.

Ein Archiv besonderer Art

Bei dieser Ausstellung in der beeindruckenden Halle des Salone degli Incanti – dem ehemaligen Fischmarkt – wurde eine Auswahl von 40 Imago-Mundi-Sammlungen rund um die Hafenstadt an der oberen Adria mit ihren vielfältigen internationalen Wurzeln und Verknüpfungen zusammen gestellt. Da findet man auch Beispiele aus der deutschen Sammlung (Kuratiert von Peter Noever). Arbeiten unter anderem von Olaf Nicolai, Christin Lahr oder Sabine Groß. „Ein Archiv besonderer Art“ nennt Noever das Imago-Mundi-Projekt in der Einleitung zum Katalog.

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Liebe zu Deutschland – Ausschnitt aus der vom Österreicher Peter Noever kurierten Sammlung

Das überraschende dieser Ausstellung sind allerdings die Präsentationen aus Ländern, die im internationalen Kunstbetrieb keine oder nur eine kleine Rolle spielen: der Irak, Jordanien, das Kosovo oder der Libanon. Imago Mundi Zypern zum Beispiel macht keinen Unterschied zwischen dem griechischen und türkischen Teil. Beide Volksgruppen sind hier vereint. Kunst zeigt sich oft weitsichtiger als die es die Realität wahr haben will.

Zur Eröffnung sagte der inzwischen wieder an die Unternehmensspitze gerückte Luciano Benetton, dass bei Imago Mundi keine Länder oder Gemeinschaften bevorzugt würden. Aber, so der 83jährige, „wir müssen besonders fair mit den Künstlern wirtschaftlich schwächeren Ländern umgehen, wo es vielleicht nicht einmal Galerien oder Museen für die Gegenwartskunst gibt.“ Imago Mundi würde ihnen die Chance geben, bekannt zu werden. „Und setzt zugleich uns in den Stand, die Gegenwartskunst jener Länder kennenzulernen.“

Der Dialogcharakter der Sammlungen

Nur: In Triest sind über 6500 kleinformatige Originalwerke zu sehen – dann kann sich bei der Besichtigung schnell das Gefühl der Ermüdung oder Übersättigung einstellen. Aber, so kommentiert Alexandra Etienne in Treviso das Problem, die Grundidee sei doch „Neugier zu wecken“, den Besuchern eine Ahnung von Vielfalt „in den einzelnen Kulturen und zwischen den verschiedenen Kulturen“ zu vermitteln. So viele Künstler kommen „aus allen Ecken der Welt“ und dabei würden Aspekte wie „das Nichtkommerzielle, die Inklusivität und die Demokratie“ berücksichtigt. Und neben den Arbeiten der Sammlungen auch einzelne Künstler einzuladen – wie es jetzt die Gallerie delle Prigioni vorgeführt haben – sei ein Format „mit Zukunft“, so Nicolas Vamvouklis, „denn es unterstreicht den Dialogcharakter der Sammlungen und gibt ihnen eine weitere Dimension.“

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Kataloge der Imago Mundi Sammlungen

Das spiegeln auch die 150 Einzelkataloge wider, die bislang zu den jeweiligen Sammlungen herausgegeben wurden und in denen die Werke in Originalgröße abgebildet sind. Sie sind konsequent dreisprachig (Englisch, Italienisch und die jeweilige Landessprache) gehalten. Die ganze Welt im kleinen Format von der Kunst der Albaner bis zu der der Syrer, von der Kunst der Pygmäen zu der der Palästinenser, von der aus China bis zu der aus Tibet oder den USA.

Imago Mundi ist ein faszinierend weltoffenes Projekt. Mit seinen Untersuchungen von Schönheiten wie  Hässlichkeiten, von Trennendem wie der Vereintem entsteht eine Vision von Welt, in der Kunst ein globale Heimat vermittelt.

 

 

 

Imago Mundi – Luciano Benetton Collection
Sahara: What ist written will remain / Ciò che è scritto rimarrà. Gallerie delle Prigioni, Treviso, bis 20.6.2018. Di – Fr 14.30 bis 19 Uhr, Sa + So 10 bis 19 Uhr. Eintritt frei
Join the Dots / Unire le distanze. Salone degli Incanti, Triest, bis 2.9.2018. Di – Fr 17 bis 23 Uhr, Sa + So 10 bis 23 Uhr. Eintritt frei

Im Internet kann man sich auf der Plattform imagomundiart.comdurch alle Sammlungen klicken. Die Kataloge kosten je nach Umfang 19 bzw. 29 Euro und können im  Fabrica-Store erworben werden

Zum Thema hat der Deutschlandfunk Beiträge am 10.6.2018 in seinen Sendungen „Information und Musik“ bzw. „Kultur heute“ ausgestrahlt