Resistenza


Vor 75 Jahren: Bei einem Massaker an der Zivilbevölkerung töteten Wehrmacht und SS in Marzabotto/Monte Sole über 700 Personen Mailand/Marzabotto – Italien im Zweiten Weltkrieg. Alliierte Truppen landen im Juli 1943 auf Sizilien. Nach dem Waffenstillstand im September 43 löst Italien sich aus dem Bündnis mit Hitler-Deutschland und wird von der Wehrmacht besetzt. Während die Alliierten in einem fast zwei Jahre andauernden Krieg langsam nach Norden vorrücken, bilden die Deutschen auf dem Rückzug immer neue Verteidigungslinien. Im Herbst 1944 nutzten sie in der sogenannten Goten-Linie Apenninausläufer zwischen Rimini und Pisa mit dem Ziel, den Durchbruch der Alliierten in die Po-Ebene zu verhindern. Um sich im Hügelland südlich von Bologna bei der Ortschaft Marzabotto festzusetzen und sich einer Brigade italienischer Partisanen zu erwehren, zerstören Einheiten der SS und der Wehrmacht vom 29. September an das Gebiet um und auf dem Monte Sole und töten auf grausame Art Angehörige der Zivilbevölkerung. Über 700 Personen, vor allem Frauen, Kinder und ältere Männer kommen ums Leben.

„VERGESST UNS NICHT!“


Eine Italienerin und ein Deutscher. Die Väter waren im Zweiten Weltkrieg auf entgegengesetzten Seiten der Logik von Hass und Vergeltung zum Opfer gefallen. 60 Jahre später kommt es zu einem Treffen von Guglielmina und Peter Mailand/Gubbio – Das ist die Geschichte einer bemerkenswerten Begegnung zwischen einem Deutschen und einer Italienerin. Er, Peter, Sohn eines Militärarztes, der beim Rückzug der Wehrmacht im Frühsommer 1944 von Partisanen in Gubbio getötet wird. Sie, Guglielmina, Tochter eines der 40 Bürger der Stadt, die als Vergeltung für das Attentat hingerichtet werden. Durch Zufall treten sie 60 Jahre später in Kontakt, schreiben einander Briefe, es kommt zu einem Treffen. Das bleibt für beide (und ihre Familien) eine Privatbeziehung, bis Guglielmina 2012 nach einer schweren Krankheit stirbt. Kurz vor ihrem Tod, übergibt sie den Briefwechsel dem Journalisten Giacomo Marinelli Andreoli, der auf dieser Grundlage eine Erzählung schreibt: Nel segno dei padri. La storia di Guglielmina e Peter – „Im Zeichen der Väter. Die Geschichte von Guglielmina und Peter“ – erschienen 2017 bei Marsilio (Venedig).

WIE ZWEI VERLORENE KINDER



Mit dem Tod von Vittorio Taviani endet die Zusammenarbeit zweier Brüder, die das italienische und das europäische Kino geprägt haben Mailand / Rom – In der italienischen Filmwelt gab es kaum jemanden, der das volkstümliche Kino so mit dem poetischen verbinden konnte wie das Bruderpaar Vittorio und Paolo Taviani aus San Miniato bei Pisa. Arbeiten von Allonsanfan (1974) über Padre Padrone (1977, Goldene Palme in Cannes) bis Cesare deve morire (2012, Goldener Bär in Berlin) haben die Geschichte des europäischen Films geprägt. Bei ihrer letzten Produktion Una questione privata (2017) nach einer Erzählung von Beppe Fenoglio musste der jüngere Paolo (geboren 1931) allein am Drehort in den Hügeln des Piemonts Regie führen, während der ältere Vittorio (geboren 1929), der noch das Drehbuch mitgeschrieben hatte, krank in Rom zurückblieb. Nun ist Vittorio Taviani im Alter von 88 Jahren in Rom gestorben.

TRÄUMERISCHE NEOREALISTEN


Ferrara zwischen Mussolinis Rassengesetzen, der deutschen Besatzungszeit und dem Kampf um Erhaltung der Kulturgüter nach dem Krieg. Carl Wilhelm Macke erinnert an den Avvocato Paolo Ravenna Ferrara – Slargo Avvocato Paolo Ravenna steht auf dem Straßenschild. Im Deutschen könnte man Slargo vielleicht mit „Ausbuchtung“ oder „Verbreiterung“ übersetzen. Ungefähr auf der halben Wegstrecke von Ferraras wunderbaren Renaissancestrasse Via Ercole Primo, unmittelbar nach dem Ausstellungszentrum im Palazzo Diamanti und in der Nähe jener versteckt liegenden Grundstücke, wo sich vielleicht der Garten der Finzi Contini befunden haben könnte, stößt man auf einen solch kleinen, unscheinbaren Slargo. Wahrlich keine spektakuläre Piazza – und in Tourismusführern wird man vergeblich nach ihm suchen. Wer aber war dieser Avvocato Paolo Ravenna – in Ferrara 1926 geboren und 2012 ebenda gestorben – an den hier mit der ihm angemessenen Nüchternheit seit Anfang des Jahres 2018 erinnert wird?

EIN KLEINER WINKEL AM RANDE



Die Anglistin Aleida Assmann und ihr Ehemann, der Ägyptologe Jan Assmann, haben zusammen das Konzept des „kulturellen Gedächtnisses“ entwickelt. Dafür wurden sie jetzt mit dem Balzan Preis 2017 ausgezeichnet. Ein Gespräch mit Ihnen über die langen Wellen der Erinnerungskulturen vom alten Ägypten bis zur aktuellen Gegenwart. Mailand/Bern  – Aleida Assmann und Jan Assmann sind ein außergewöhnliches Ehepaar. Als Wissenschaftler pflegen sie extrem entgegen gesetzte Fachrichtungen. Sie, geboren 1947, hat sich als Anglistin und Literaturwissenschaftlerin einen Namen gemacht und mit Gegenwartsfragen beschäftigt. Er, geboren 1938, ist einer der bekanntesten deutschen Ägyptologen und Religionswissenschaftler. In Bern wurde ihnen jetzt der Balzan Preis überreicht. In einem Gespräch, das den breiten Bildungs- und Interessenshorizont der beiden Wissenschaftler nur andeutungsweise sichtbar werden lässt, geht es um Moses und Thomas Mann, um afrikanische Greise, die Rolle der Medien oder die Folgen der anhaltenden Migrationsbewegungen für die Erinnerungskultur in unseren Städten

AM BRUNNEN DER VERGANGENHEIT