„FOTOGRAFIEREN IST WIE LIEBEN“


Palermo: Ein Gespräch mit der Fotografin Letizia Battaglia, die mit dem Kythera Kultur-Preis 2019 ausgezeichnet wurde

© Evelyn Schels

„Wir haben mehr Wagemut als Männer“ – Letizia Battaglia, geboren 1935 in Palermo

Mailand/Palermo – Seit 2001 verleiht die Kythera Kultur-Stiftung (Düsseldorf) einen Preis an europäische Persönlichkeiten, die sich um die Vermittlung romanischer Kultur verdient gemacht haben. In diesem Jahr geht der Kythera Kultur-Preis an die 84jährige Fotografin Letizia Battaglia aus Palermo. In der Begründung heißt es, Letizia Battaglia habe zwischen 1974 und 1990 mit „beeindruckenden Schwarz-Weiß-Aufnahmen“ die Aktivitäten der sizilianischen Mafia dokumentiert. Ihr sei es mit zu verdanken, dass „die Grausamkeit dieser Verbrechen, die damals zumeist angstvoll beschwiegen wurden, der Öffentlichkeit zu Bewusstsein“ kamen. Darüber hinaus habe sie den Alltag vor allem der ärmeren Schichten Siziliens „liebevoll und nicht voyeuristisch“ abgebildet und dabei ihr besonderes Augenmerk auf Frauen und Kinder gerichtet. In dem von ihr initiierten Centro Internazionale di Fotografia leiste sie heute einen wichtigen Beitrag für das kulturelle Leben in Palermo.

Der von Gabriele Henkel (1931 – 2017) gestiftete Kythera Kultur-Preis ist mit 25.000 Euro dotierte. Er wurde in der Vergangenheit u.a. an den italienischen Dirigenten Claudio Abbado (2004), den Schweizer Regisseur Luc Bondy (2009) oder die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy (2017) verliehen. Der Preis an Letizia Battaglia wurde jetzt am 21. Oktober in Palermo übergeben. Die Laudatio hielt der Bürgermeister der Stadt Leoluca Orlando. Er erinnerte dabei auch an die politischen Aktivitäten von Letizia Battaglia. Während seiner Amtsperiode als Stadtoberhaupt 1993-2000 leitete sie das Assessorato alla Vivibilità und setzte sich so als „Stadträtin für Lebensqualität“ aktiv mit den Bedürfnissen der einfachen Menschen auseinander. Wenn sich Palermo in den vergangenen 40 Jahre zum Guten verändert habe, so sei das auch ihrem zivilen wie politischen Engagement zu verdanken.

© Cluverius

Preisverleihung an Letizia Battaglia mit Leoluca Orlando, Bürgermeister von Palermo, und Johannes Willms, Kythera Kultur-Stiftung

Am Rande der Preisverleihung im Centro Internazionale di Fotografia ergab sich die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Letizia Battaglia. Auf einem Büchertisch lagen Kataloge und Fotobücher, darunter der Band „Sguardo di donna. Da Diane Arbus a Letizia Battaglia la passione e il coraggio“ (Marsilio).

Der andere Blick

Haben, liebe Letizia Battaglia, Frauen den besseren Blick zum Fotografieren?

„Wir haben einen anderen Blick. Wir haben einen Blick, der weitherziger und auch mutiger ist. Wir haben mehr Wagemut als Männer.“

Worum geht es beim Fotografieren? Um die Realität zu interpretieren, das Leben zu dokumentieren?

„Fotografieren ist ein Liebesbeziehung. Eine Beziehung zwischen mir und der Welt. In einem guten Foto ist nicht nur die Welt enthalten, sondern auch der Fotograf. Ich bin in den Fotografien, die ich mache. Auch in denen mit Toten und Ermordeten. Ich bringe alles ein, was ich in mir habe, meine Dummheit, mein Alter, meine Leidenschaft, meinen Kommunismus. In das eine Foto lege ich alles hinein.“

© Letizia Battaglia

„La bambina con il pallone“ (Das Mädchen mit dem Fußball). Ausschnitt. Battaglia-Foto im Viertel La Cala, Palermo 1980. Letizia Battaglia leitete von 1974 bis 1991 das Ressort Foto der Tageszeitung „L’Ora“

Das soziale Engagement, der Kampf für das Gute, gehören zur Fotografie?

„Das gehört zu mir. Das gehört zu mir, wenn ich esse, wenn ich schlafe, wenn ich liebe, und wenn ich fotografiere auch. Fotografieren ist wie lieben. Das ist der gleiche Einsatz, die gleiche Ernsthaftigkeit. Da ist die Person. Fotografieren ist kein Mechanismus, um eine Sache, eine Situation aufzunehmen. Fotografieren ist Empathie.“

Die Technik ist nicht so wichtig

Welche Rolle spielt die Technik – analog oder digital, farbig oder schwarz-weiß?

„Die Technik ist nicht so wichtig. Es gibt Fotografen, die benutzen kleine Apparate für 10 Euro und machen gute Fotos, die andere mit ihren kostspieligen Ausrüstungen nicht hinkriegen. Digital? Bitte keinen Romantizismus! Mit dem Fotofilm sind mir ein paar gute Aufnahmen gelungen, mit dem Digitalen bin ich nicht mehr ganz so gut. Aber im Grunde kommt es nicht auf den Apparat an. Schwarz-Weiß? Ich glaube, Schwarz-Weiß ist ehrlicher, stellt mehr das Wesentliche heraus. Mit der Farbe gibt es Ablenkung, Unordnung, hier ein bisschen rot, dort ein bisschen gelb und dahinten ein bisschen… Schwarz-Weiß ist schwarz, weiß und grau. Einfach elegant.“

© Letizia Battaglia

„Il gioco dei killer“ (Das Killer-Spiel“). Ausschnitt. Battaglia Foto bei der Kirche Santa Chiara, Palermo 1982

Sie waren ein paar Jahre in Mailand, haben in anderen Städten gelebt. Wie wichtig ist aber die Anbindung an Palermo für Ihre Fotos?

„An Mailand habe ich gute Erinnerungen. Da habe ich gelernt, da habe ich angefangen zu fotografieren, habe zu mir selbst gefunden. Ich bin im Leben viel gereist und habe Fotos gemacht, darunter das eine oder andere gute. Aber die Fotos in Palermo, da ist mehr von mir drin. Auf Reisen bin ich abgelenkt, gucke, verstehe nicht. Wohingegen in Palermo verstehe ich die Welt – jedenfalls versuche ich es.“

Kürzlich sind Sie im Film von Franco Maresco „La mafia non è più quella di una volta“ aufgetreten. Sie mussten im Leben viele Rollen meistern…

„Ich bin eine Person und basta. Ob ich dies oder das mache. Ich bin keine Fotografin mit der Schrift auf der Stirn: Fotografin. Ich habe im Leben vieles gemacht. Ich bin auch Fotografin. Aber ich kann ebenso anderes.“

Wir können heute unbekümmerter leben

Jetzt sind Sie Preisträgerin. Was bedeutet dieser Kythera Kultur-Preis?

„Ich bin bewegt. Dass ein paar Deutsche an mich hier in Palermo denken, das ist bewegend. Das ist mehr als eine Genugtuung. Das ist ein menschliches Geschenk. Eine große Geste, die ich in Italien bislang nicht erfahren habe. Das Preisgeld ist auch bedeutend, aber wichtig ist die Geste, dass man an mich denkt hier in Palermo, wo das Leben nicht einfach ist.“

© Letizia Battaglia

„I due Cristi“ (Die zwei Christi). Ausschnitt. Battaglia-Foto Palermo 1982

Verändert sich Palermo?

„Palermo ist verändert. Palermo ist viel lebendiger geworden. Natürlich gibt es noch Mafia, aber die Mafia ist anders, sie ist in den Kreisen, in denen Geld bewegt wird. Sie unterdrückt nicht mehr die Leute, macht sie nicht mehr zu Sklaven wie vielleicht noch in Kalabrien. Wir können heute freier, unbekümmerter leben. Die Lebensqualität hat zugenommen. Kultur hat immer eine Rolle in Palermo gespielt, aber sie ist bedeutender geworden. Vor zwei Jahren ist dieses Centro Internazionale di Fotografia ins Leben getreten. Palermo kann sich auch so etwas leisten.“

© Cluverius

Zigarettenpause – vor dem Centro Internazionale di Fotografia in Palermo

Ein Kulturzentrum mit Raum für Ausstellungen aber auch zur Ausbildung?

„Ich unterrichte hier Jugendliche im Alter von 10-14 Jahren. Wir veranstalten außerdem Workshops für junge Strafgefangene in der Haftanstalt, machen dort kleine Ausstellungen, laden die Angehörigen ein – eine wundervolle Erfahrung. Im Centro gibt es einen Workshop für Frauen mit dem Thema „Palermo bellissimo“. Die Frauen dürfen nur schöne Sachen fotografieren. Wir haben sogar Initiativen außerhalb von Palermo, unterwegs in Italien. Aber Palermo bleibt meine Passion. Dabei habe ich es nicht immer geliebt. Als ich jung und ein bisschen unglücklich war, hatte ich Palermo nicht geliebt, weil ich es für mich eine Art Gefängnis war. Dann habe ich mich befreit zusammen mit einem Fotoapparat. Ich bekam eine Arbeit und wurde dafür bezahlt, dass ich mich ausdrücken konnte.“

Hier zur Facebook-Seite des Centro Internazionale di Fotografia Palermo

Die Liste der Träger des Kythera Kultur-Preises

Zum Film von Franco Maresco „La mafia non è più quella di una volta hier auf Cluverius