in der Scala: Kurtág, Dusapin, Strawinsky


Eröffnungskonzert des 27. Festivals Milano Musica und eine Kurtág-Ausstellung. Am 15. November kommt es zur Welturaufführung von György Kurtágs Oper „Fin de partie“ (nach Beckett)

© Milano Musica/ M. Busacca

Zwiegespräch zwischen Vater und Sohn – György Kurtág Jr. (links) am Synthesizer beim Eröffnungskonzert in der Scala. Am Pult Gergely Madaras.

Mailand (20.10. bis 26.11.) – „What is the Word“ (Wie soll man sagen) ist der Titel eines Gedichtes von Samuel Beckett aus dem Jahr 1989 – seine letzte Arbeit. Das Gedicht kann als Leitmotiv für das diesjährige Festival Milano Musica gelten, das den Untertitel „György Kurtág. Beckett hören“ trägt. Zur Eröffnung gab es einen Konzertabend in der Mailänder Scala. Auf dem Programm standen „Zwiegespräch“ (Dialog für Synthesizer und Orchester) von György Kurtág und György Kurtág Jr., „Watt“ (für Posaune und Orchester) von Pascal Dusapin und nach der Pause Igor Strawinskys „Petruschka“. Die Filarmonica della Scala dirigierte der Ungar Gergely Madaras. Parallel dazu wurde eine Ausstellung zu Leben und Werk Kurtágs im Foyer der Scala eröffnet.

Um zwei Arten, Musik zu denken und zu spielen, drehte sich der Dialog von Vater und Sohn Kurtág. Wobei György Kurtág Jr. (geb. 1954) selbst am Synthesizer stand und die überraschend weichen Tonfolgen etwa der Querflöten mit teilweise improvisierten Einlagen in eine eigene Welt überführte.

Zerlegungen einer Posaune

Dusapins farbenprächtige Komposition nach Motiven von Becketts Roman „Watt“ wurde von dem springlebendigen Posaunisten Mike Svoboda geprägt. Der amerikanische Musiker und Komponist, der in Stuttgart studiert hatte und jetzt in Basel Posaune unterrichtet, ließ sich vom Publikum feiern. Er zerlegte in einer Zugabe nicht nur die Töne der Posaune, sondern nahm dabei sein Instrument auch buchstäblich auseinander.

Strawinskys spielerisches Ballettstück „Petruschka“ (in der Fassung von 1947) führte dann in einer vom Scalaorchester stürmisch angegangenen Interpretation gleichsam den Boden der Musik der Moderne vor, in dem die unterschiedlichen Strömungen bis hin zum Jazz wurzeln.

© Teatro alla Scala/ A.Felvégi

Kreativer Kosmos – Ausstellung im Scala Foyer (György Kurtág 2004)

Eine kleine Ausstellung versucht unter dem Titel „Segni, giochi, messaggi“ (Zeichen, Spiele, Botschaften), den kreativen Kosmos des 1926 geborenen Ungarn György Kurtág, der nach langem Aufenthalt in Frankreich wieder in Budapest lebt, zu umkreisen. Dabei geht es um biografische Aspekte, um seine Auseinandersetzungen mit der Musikgeschichte aber auch um literarische Vorlieben (Hölderlin, Kafka oder Beckett). Seine handschriftlichen Partituren, die leider nur auf Schautafeln abgebildet werden, haben nicht selten die Aura von Werken der bildenden Kunst.

Von Schubert bis Ligeti

Die Vereinigung für Gegenwartsmusik Milano Musica wurde 1990 von einem kleinen Kreis von Musikfreunden um Luciana Pestalozzi (der Schwester von Claudio Abbado) gegründet. Seit 1992 veranstaltet Milano Musica in Zusammenarbeit mit der Stadt und mit Mailänder Musikeinrichtungen ein Festival, das wie jetzt zu Kurtág auch monografisch ausgerichtet sein kann – es wurde etwa 1996 Luciano Berio, 2000 Luigi Nono oder 2011 Helmut Lachmann gewidmet. In diesem Jahr steht nach den Worten von Festivalleiterin Cecilia Balestra der Dialog, den Kurtág mit bedeutenden Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts geführt hat, im Vordergrund – von Schubert über Bartók bis Ligeti.
Ein weiterer roter Faden verknüpft Themen wie die Rolle der Stimme oder die des Wortes. Und schließlich möchte man den Widerhall des Werkes von Beckett in Arbeiten zeitgenössischer Musiker hörbar machen.

© Piccolo Teatro / M. Giusto

Melodramatisch – Finale di partita – Beckett im Piccolo Teatro (mit Glauco Mauri und Roberto Sturno)

Die Veranstaltungen finden nicht nur in traditionellen Räumen der Mailänder Musik- und Theaterszene statt, sondern beziehen Spielplätze der Bildenden Kunst (Hangar Bicocca) mit ein. Sie wollen in mobilen Einrichtungen die Kultur der Musikmoderne auch in wechselnde Orte der Vorstadt tragen. Im Piccolo Teatro ist derweil eine Inszenierung der römischen Theaterkompagnie Mauri-Sturno von Becketts „Finale di partita“ zu sehen. Sie leidet unter einer ganz auf den Protagonisten Glauco Mauri (in der Rolle des Hamm) ausgerichteten Regie, die Beckett streckenweise wie einen melodramatischen Klassiker vorführt.

Der Höhepunkt – eine Welturaufführung

Höhepunkt der Festivalwochen aber wird zweifellos die Welturaufführung von György Kurtágs Oper „Samuel Beckett: Fin de partie. Scènes et monologues. Opéra en un acte“ am 15. November sein. Die Auftragsarbeit der Scala in Koproduktion mit De Nationale Opera Amsterdam dirigiert Markus Stenz, Regie führt Pierre Audi. Es singen und spielen Frode Olsen, Leigh Melrose, Hilary Summers und Leonardo Cortellazzi.

 

György Kurtág. Ascoltando Beckett. 27. Festival Milano Musica. Mailand 20.10. bis 26.11.
Programm 10 Euro. Info hier

György Kurtág. Segni, giochi, messaggi. Ausstellung Teatro alla Scala (Ridotto dei Palchi). Tgl. 9 – 17.30 Uhr, Zugang vom Museo Teatrale alla Scala, Largo Ghiringhelli 1. Eintritt: 9 Euro. Info hier

Finale di partita. Von Samuel Beckett. Mit Glauco Mauri, Roberto Sturno, Marcella Favilla, Mauro Mandolini. Regie Andrea Baracco. Musik Giacomo Vezzani. Produktion Compagnia Glauco Mauri Roberto Sturno. Piccolo Teatro Grassi bis 4. November. Info hier