In Italien


© Cluverius

„Anmut der Formen“ – Landschaft bei Urbino

Mailand (Auszug aus „Gebrauchsanweisung für Italien„, Neuausgabe) – Italien hat alles. Es hat hohe, prächtige Berge, an der Grenze zu Frankreich sogar die höchsten Europas. Es hat von flirrendem Licht durchzogene Ebenen in den Niederungen des Po sowie im Küstenland Venetiens und des Friauls. Es hat ein kräftiges Mittelgebirge, das sich wie eine Art Wirbelsäule die Halbinsel entlangzieht, die nach ihm seinen Namen trägt: Apenninhalbinsel. Es hat herrliche Binnenseen. Es hat, die Inseln eingeschlossen, mehr als 8000 Kilometer lange Küsten, meist felsig, aber auch oft sandig auslaufend, zur besonderen Freude der Badegäste.

Zudem hat es mehr Wälder, als man denkt: 11 Millionen Hektar Baumbestand, das sind 38 Prozent der Gesamtfläche des Landes, was dem EU-Durchschnitt entspricht. Vorgesehen ist die Anpflanzung von 200 Millionen zusätzlichen Bäumen im Rahmen der europäischen Biodiversitätsstrategie 2030. Das dient einerseits der Reduzierung von CO2-Emissionen. Anderseits ist Holz ein alternativer Baustoff nicht nur bei nachhaltigen Architekturprojekten. Hier beklagen die Verantwortlichen allerdings den Mangel an Nutzholz und die Abhängigkeit von Importware.

Ausgedehnte Waldgebiete findet man vor allem in Süditalien etwa auf dem Gargano oder dem Aspromonte oder in einigen wilden Gebirgszonen Sardiniens. Ideale Verstecke für Leute, die Grund haben, sich und andere zu verbergen. Bestimmte Verbrechen, wie zum Beispiel die Entführung von Menschen, wären in anderen westeuropäischen Ländern bereits aus geografischen und logistischen Gründen gar nicht in dem Ausmaß möglich, wie sie in Italien eine Zeit lang an der Tagesordnung gewesen waren. Man findet allerdings sehr viel weniger Wälder, als es früher einmal gegeben hatte, weil die Menschen seit der Antike zur Gewinnung von Brenn- und Bauholz sowie von Weideflächen und Kulturland Bäume und Sträucher sträflich gerodet haben, ohne an Aufforstungen zu denken.

Die Apenninhalbinsel ist erdgeschichtlich ein junges Land und deshalb immer noch in Bewegung, wie Erdbeben und Vulkanausbrüche zeigen. Die Landschaft, in der sich die »Anmuth der Formen in das Furchtbare« verwandelt, erschreckte den baltischen Kulturhistoriker Victor Hehn (1813–1890): »Erstarrte, in Klumpen und Schollen zersprungene Lavafelder, jahrhundertelang unverändert, reichen in breitem schwarzen Strom bis zu den Gärten der Menschen; der Atem der Hölle dampft aus Rissen und Spalten, indes in ergreifendem Kontrast wenige Stunden abwärts Öl und Wein und goldene Früchte die fruchtbare Ebene füllen.«

Was die Bodengüte betrifft, ist Italien allerdings ein relativ armes Land und außerdem mit Ausnahme breiter Ebenen wie am Po schwer im großen Stil zu bebauen – wenn man einmal von den für das Hügelland typischen Pflanzen wie Weinstock oder Olivenbaum absieht. Was wiederum die Menschen dazu getrieben hat, auch anderen Kulturformen als der Landwirtschaft nachzugehen. Und damit den Weg für die einzigartige kulturhistorische Entwicklung des italienischen Raums möglich gemacht hat. Das Klima wird durch einen starken Nord-Süd-Gegensatz geprägt: Im Norden ist es subozeanisch, das heißt, es ist feucht, und das Land wird von vielen fließenden Gewässern durchzogen. Im Süden ist es sommertrocken und vom Mittelmeer geprägt. Flüsse werden hier nicht lang, können aber bei Extremwetterlagen über die Ufer treten und Haus und Hof davonreißen – wie etwa 2020 im Piemont oder auch in Palermo.

Zum Weiterlesen:

Henning Klüver: Gebrauchsanweisung für Italien. Aktualisierte und erweiterte Neuauflage. Piper Verlag, München (2022). 255 Seiten, 16 Euro.