in der Scala: Fin de Partie


Die Welturaufführung der Oper von György Kurtág nach dem Bühnenstück von Samuel Beckett wurde zu einem von der Kritik gefeierten Erfolg

copyright Teatro alla Scala/Ruth Walz

Lange Schatten – im Rollstuhl Hamm (Frode Olsen) und sein Diener Clov (Leigh Melrose)

Mailand (Teatro alla Scala bis 25. 11.) – Fast zehn Jahre lang hat der Österreicher Alexander Pereira den Ungarn György Kurtág umworden, den Plan einer Oper zu Becketts Theaterstück Fine de Partie („Endspiel“) umzusetzen. Jetzt hat der 92jährige Kurtág Wort gehalten. Pereira – Intendant der Scala seit Oktober 2014 – kann so seinen bislang größten Erfolg am Mailänder Opernhaus auskosten. Die Welturaufführung am 15. November in französischer Sprache wurde von der nationalen wie internationalen Presse gefeiert. Ein Verdienst der Künstler, die Kurtágs Vorgabe auf hohem Niveau umzusetzen wussten: Markus Stenz, der das Scala-Orchester leitete, die Sänger, allen voran Frode Olsen als Hamm, Pierre Audi als Regisseur sowie seine Mitarbeiter für Bühne und Licht.

Bei Beckett geht es in „Fin de Partie“ (Uraufführung 1957 in Paris) um die Unfähigkeit zu handeln. Hamm sitzt blind und bewegungsunfähig im Rollstuhl, sein Diener Clov gibt ihm das Essen. Beide leben in einem Dauerstreit. Sie sind von einander abhängig, weil Hamm den Schlüssel zur Speisekammer kontrolliert. Am Rande vegetieren die Eltern von Hamm nach einem schweren Unfall als körperliche Relikte in zwei Mülltonnen. Worte haben keine Folgen mehr, die Zukunft zerfällt, die Erinnerung zersplittert, die Zeit läuft sinnentleert langsam auf ein Ende zu.

Verschwommenheit von Zeit und Ort

In der Inszenierung der Scala spielt dabei das Licht eine Hauptrolle, die Figuren werden meist durch ihre Schatten gedoppelt und werden so als Schatten ihrer selbst definiert. Die grau in grau gehaltene Szenerie spielt sich im Gegensatz zum Theaterstück nicht im Inneren eines Gebäude, sondern vor einem Haus statt. Doch wird dieses Haus im Hintergrund von einer Dachstruktur überlagert, die ihrerseits von einer ähnlichen Struktur wie in einer Schachtel steht. Innen und Außen überlagern sich. Zu der Unfähigkeit der Personen, Projekte zu entwickeln, kommt die Unbestimmtheit, den Ort zu auszumachen, den Hamm nicht mehr erträgt und Clov fliehen möchte. Doch bleiben beide in der Verschwommenheit von Zeit und Ort gefangen.

György Kurtág kam in den 1950er Jahren mit den Stücken von Samuel Beckett (1906-1989) in Berührung und lernte den irischen Autor bei einem Aufenthalt in Köln auch persönlich kennen. Seitdem hat sich der ungarische Komponist in vielen Arbeiten mit Becketts Ideenwelt und vor allem mit seinen Gedichten auseinander gesetzt. Ein Reihe dieser Werke waren gerade auch beim Festival Milano Musica (siehe hier auf Cluverius) zu hören. Wobei Kurtág, der auf langen Traditionswellen von Béla Bartók und Anton Webern zu einer ganz zeitgenössischen Musiksprache gefunden hat, bislang mit eher kurzen Musikstücken präsent gewesen war. Und jetzt zum ersten Mal und im hohen Alter eine Oper!

Ein Feuerwerk musikalischer Einfälle

Aber er bleibt sich in einem gewissen Sinne treu, indem er das Theaterstück von Beckett in Szenen und Monologe zerlegt, die er mit kleinen, aber immer neuen musikalischen Einfällen und Fragmenten teils begleitet, teils kommentiert. Die Szenen werden zudem optisch durch einen schwarzen Vorhang voneinander getrennt. Kurtág versteht die gegenwärtige Fassung seiner Arbeit als eine vorläufige und arbeitet an einer Erweiterung. Da wird vielleicht noch etwas auf den Opernbetrieb zukommen.

Das Publikum reagierte gespalten. In der nur halb besetzten Scala bei der zweiten Aufführung nach der Weltpremiere, verließ ein Teil vermutlich der Abonnenten bereits während der zweistündigen Inszenierung (ohne Pause) den Saal. Es ist sicher nicht leicht, ungeübt und vorurteilsfrei die Musik der Gegenwart zu rezipieren. Diejenigen, die aber bis zum Schluss geblieben waren, überschütteten die Künstler mit langem und herzlichen Applaus.

Fin de Partie – Samuel Beckett: Fin de Partie. Scènes et monologues, opéra en un acte. Musik und dramaturgische Bearbeitung György Kurtág nach einem Stück von Samuel Beckett. Eine Auftragsarbeit des Teatro alla Scala. Mit: Frode Olsen (Hamm), Leigh Melrose (Clov), Hilary Summers (Nell), Leonardo Cortellazzi (Nagg). Musikalische Leitung: Markus Stenz, Regie: Pierre Audi, Kostüme und Bühnenbild: Christof Hetzer, Licht: Urs Schönebaum. Orchestra del Teatro alla Scala. Produktion Teatro alla Scala zusammen mit der Dutch National Opera, Amsterdam. Gesehen am 20.11.

Info hier