Landschaft


Carl Wilhelm Macke: Eine sentimentale Erinnerung „Ein Teil von uns muß bereits lange vor unserer Zeit seinen Anfang genommen haben. Anders als einen die Erfahrung lehrt, habe ich den Eindruck, daß man nicht auf einmal geboren wird. Ich glaube, daß man Stück für Stück auf die Welt kommt, daß auch ich auf gewisse Weise schon weit vor meiner Zeit begonnen habe. ( Richard Obermayr „Das Fenster“ ) Ferrara/Vicarello (Bracciano) – Zusammen mit vier Freundinnen verbrachte meine Mutter Anfang der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts einige Monate in dem kleinen Ort Vicarello am Lago di Bracciano, nördlich von Rom. Dort befand sich in jenen Jahren eine kleine vatikanische Sommerresidenz, der auch eine von Nonnen geleitete Hauswirtschaftsschule angegliedert war. Wer die jungen Frauen aus dem mit Gottvertrauen und – jedenfalls in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts – mit Priestern überreich gesegneten Oldenburger Münsterland dorthin geschickt hatte, weiß ich nicht. Vermutlich haben meine Großeltern, die in einem Nest in jener Gegend ein Hotel besaßen, die Adresse von einem örtlichen Pfarrer oder, was wahrscheinlicher ist, von Dominikanern erhalten, die ein Internat in dem Ort unterhielten.

DIE VILLA AM SEE


Zur Erinnerung an den Anthropologen und Schriftsteller Giulio Angioni Mailand/ Cagliari – Die Beschäftigung mit sich selbst ist für eine Gesellschaft, die auf einer Insel lebt, eigentlich selbstverständlich. In Sardinien kommt ein Bruch mit der eigenen Geschichte hinzu, einer Geschichte, die sich tausend, zweitausend Jahre nicht, oder nur wenig bewegt hatte. Der Anthropologe und Schriftsteller Giulio Angioni, der 1939 in Guasila (Provinz Cagliari) auf die Welt kam, erzählt, er habe noch eine Jugend erlebt, „die näher an der Jugendzeit vor tausend oder zweitausend Jahren war als an der von heute.“ Mit diesem Bruch zwischen Geschichte und Gegenwart muss sich jeder Schriftsteller auf Sardinien auseinandersetzen, wie Angioni auch in einem brillanten Essay schreibt, der dem Fotobuch von Marianne Sin-Pfältzer: Sardinien. Menschliche Landschaften (Ilisso Edizioni, Nuoro 2015) vorangestellt ist.

DAS SCHWEIGEN BEWAHREN



„Sylvie“ von Gérard de Nerval, Umberto Eco und Burkhart Kroeber Mailand – Anzuzeigen ist ein kleines Buch von europäischem Format. Es enthält die zauberhafte Erzählung „Sylvie. Erinnerungen ans Valois“ von Gérard de Nerval, die 1853 zum ersten Mal erschien, auf Französisch und Deutsch. Dazu den Essay „Der Nebel zwischen den Wörtern“, in dem der Italiener Umberto Eco sich mit dem Text auseinandersetzt. Und versucht, das Faszinosum einer Lektüre zu erklären ( – was allerdings nicht immer möglich ist und vielleicht manchmal nur nachgefühlt werden kann).

LOTTE IM VALOIS


Ein stiller Film von Marco Segato über eine Vater-Sohn-Beziehung Mailand (Cinema Mexiko) – Ein Tal in den Dolomiten in den 1950er Jahren bevor Italien vom Wirtschaftsboom erfasst wird. Piero, der in einem Steinbruch arbeitet, lebt allein mit seinem 14jährigen Sohn Domenico. Der Vater, vom Alkohol gezeichnet, und der ganz in sich gekehrte Sohn haben sich nichts zu sagen. Um seine Würde vor der Dorfgemeinschaft aber vor allem vor sich selbst zurückzugewinnen, geht Piero eine Wette mit dem skrupellosen Aufseher des Steinbruchs ein. Es geht um das Fell eines Bären, der die Tiere der Bergbauern angreift und eines nachts sogar im Stall eine Kuh reißt. Angst und Aberglauben machen sich breit. Das sei kein Bär, sondern „el diàol“, der Teufel in Person.

im Kino: La pelle dell’orso



Neue Erdstöße in Mittelitalien haben noch mehr Menschen vertrieben und weitere historische Bauwerke zerstört. Getroffen wurde eine für die europäische Kultur zentrale Region. Wobei Bürokratie einen rechtzeitigen Schutz verhinderte Nursia/ Amatrice/ Rom – Von der Basilika des Heiligen Benedikt in Nursia steht nur noch die spätgotische Fassade. Der Rest der Kirche des Schutzpatrons von Europa liegt in Trümmern. 3000 betroffene Kulturmonumente hatte eine Untersuchungskommission des römischen Kulturministeriums bereits nach den vergangenen Erdbeben Ende August registriert. Kirchen, Glockentürme, historische Palazzi, Museen, Stadttore, Mauern und Befestigungen alter Ortskerne, die schwer beschädigt oder fast ganz zerstört worden waren. Nach dem Beben vom Sonntag (30. Oktober) mit dem Epizentrum in Umbrien (aber mit Auswirkungen auch in den zuvor betroffenen Gebieten der Marken und des Latiums) rechnen die Beamten nun mit weiteren rund 2000 beschädigten Bauwerken und Kultureinrichtungen.

NICHTS WIRD SO SEIN WIE ZUVOR