SCHAUPLATZ MAILAND


Giorgio Fontanas kleiner Bildungsroman „Im Namen der Gerechtigkeit

copyright Wikipedia

„In diesem Bauwerk fühlte sich Doni fernab vom Rest der Stadt, der Nation, der Welt“ – Palazzo della Giustizia Mailand

Mailand. Es geht um Recht und Gesetz und um die Möglichkeit, sich mit damit der Gerechtigkeit anzunähern. In einem Vorort von Mailand kommt es zu einer Schießerei. Eine zufällig beteiligte Frau wird dabei schwer verletzt. Beim Prozess weist der Hauptangeklagte, ein bislang unbescholtender Einwanderer aus Tunesien, alle Schuld von sich. Doch Indizien und Aussagen von Beobachtern der Tat sprechen gegen ihn. Der Mann wird unter dem Beifall der populistischen Presse verurteilt. Vor der Berufung recherchiert eine junge Journalistin die Hintergründe und entdeckt ein anderes Szenarium. Sie versucht, den Staatsanwalt am Berufungsgericht von der Unschuld eines Angeklagten zu überzeugen, der inzwischen jede Aussage verweigert. Eine Zeuge aus dem Einwanderermilieu, der seine Unschuld bestätigen könnte, wird getötet.

Langsam gewachsene Zweifel
Der Roman von Giorgio Fontana „Im Namen der Gerechtigkeit“, den Karin Krieger elegant übersetzt hat, benutzt viele Krimi-Elemente. Aber es ist mehr ein Spiel mit dem Genre. Denn im Mittelpunkt steht nicht ein Fall und seine juristische Aufklärung, sondern die Person des Staatsanwaltes. Für den 65jährigen Roberto Doni geht es um einen letzten Karriereschritt auf dem Weg zu seiner Pensionierung. Doch bricht er, angetrieben durch die Hartnäckigkeit der Journalistin Elena, aus der Routine eines Gerichtsverfahrens aus, dessen Urteil nach Aktenlage längst geschrieben scheint. Elena ist durch die eigenen prekä-ren Arbeits- und Lebensverhältnisse sensibilisiert für die Probleme der Vorstadt mit ihren Gewaltszenearien aber auch ihren solidarischen Beziehungen. Doni kann seine langsam gewachsenen Zweifel an der Schuld des Angeklagten aber nicht nach Recht und Gesetz mit nachprüfbaren Fakten, Aussagen, Beweismitteln belegen. Plädiert er dennoch für unschuldig, stellt er sich gegen das System und riskiert seine Karriere. Er würde seine Familie in Schwierigkeiten bringen – und das alles: „Für einen Tunesier, den ich noch nie im Leben gesehen habe?“, fragt er in einer hitzigen Diskussion mit einem alten Lehrer.

Das Ende bleibt offen, auch wenn man als Leser eine Lösung erahnen mag. Das ganze Buch hindurch hat sich Giorgio Fontana mit der Persönlichkeit seines musisch gebildeten Protagonisten auseinander gesetzt, dem nicht nur Zweifel an der Schuld eines Angeklagten, sondern auch an seiner eigenen bürgerlichen Lebensart wachsen. Der Autor hat seine Ehe durchleuchtet wie die Beziehung zu seiner Tochter, die in den USA studiert und sich ihm entfremdet hat. Und er hat ihm Elena gleichsam als Ersatztochter an die Hand gegeben. Nüchtern beschreibt er die beruflichen und gesellschaftlichen Riten des oberen, wohlhabenden Mittelstandes von Mailand, von denen sich der konservative (aber nicht reaktionäre) Doni langsam entfernt. Doch als der für sich eine Entscheidung fällt, zieht sich der Schriftsteller scheu zurück, so als wolle er seinem Helden einen letzten Rest von Intimität lassen.

Ein Ort, in dem sich jeder fremd fühlen kann
Der einerseits ganz realistische und zugleich psychologisch durchwirkte Roman hat noch einen zweiten Protagonisten: Mailand. Es ist ein ganz überraschendes, frühlingshaftes Mailand, das dennoch ein Ort bleibt, in der sich „jeder fremd fühlen“ kann. Auch Donis Frau Claudia will endlich wegziehen. Doni hat dagegen ein Auskommen mit dem Ambiente gefunden. Es sei, sagt er im Gespräch mit einem Kollegen, eine geizige Stadt, man müsse sie bitten, um etwas zu bekommen. Elena führt den Staatsanwalt zudem in ihm bislang unbekannte Viertel – in die der Einwanderer aus aller Herren Länder. In keinem ande-ren Ort Italiens leben so viele ethnische Gruppen dicht gedrängt miteinander wie in der Hauptstadt der Lombardei. Die Via Padova mit ihren Nebenstraßen, in der das Verbrechen geschehen ist und auch Verwandte des Angeklagten wohnen, ist eine der Lebensadern dieses anderen Mailands jenseits von Piazza Duomo und Via Montenapoleone. Eine Welt anderer Gerüche und Geräusche: „Fahrradklingeln, Fetzen auf Spanisch, Arabisch, Filipino.“ Nur hier, spürt Doni am Ende des Buches, „war ihm der Gedanke möglich, dass es noch Wahrheit gab.“

Es ist eine Art kleiner Bildungsroman, den der 32jährige Giorgio Fontana über den Weg seines doppelt so alten Protagonisten geschrieben hat. Der Weg von der Selbstsicherheit über den Zweifel zu einem vielleicht neuen Selbstverständnis. Man merkt dem Buch an, dass der Autor in der Nähe der Schauplätze wohnt, die seine Geschichte prägen. Mit ihm meldet sich ein junges, modernes Italien zu Wort, dass bis in die klare Sprache hinein alles Provinzielle meidet.978-3-312-00573-4_20130507125938302

Giorgio Fontana: Im Namen der Gerechtigkeit. Roman. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag, München 2013. 253 Seiten, 18,90 Euro

Erstveröffentlichung in der Süddeutschen Zeitung 16.12.2013

Siehe auch die Rezension von „Tod eines glücklichen Menschen“, dem zweiten Roman von Giorgio Fontana (2015)