Venedig


Venedig, im Dezember – Die Lagunenstadt putzt sich für die Festtage heraus. Wenn wieder mehr Besucher kommen und man im Frühstücksraum im B&B am Morgen nicht mehr alleine bleibt. Am Abend zuvor haben ein paar Jugendliche auf der Eisbahn hinter der Kirche S. Polo bei schräger Musik einsame Runden gedreht. Der Weihnachtsmarkt auf dem Campo Santo Stefano zählt zeitweilig mehr Buden als Neugierige. In den Gallerie dell’Accademia trauert eine romantisch schöne Ausstellung Canova, Hayez, Cigognara der letzten Glanzzeit von Venedig in besucherleeren Sälen nach. Die Accademia-Brücke ist eingerüstet. Restaurierungsarbeiten, die am 2. Oktober begonnen haben, sollen 210 Tage dauern. Die Kosten, bis auf den letzten Cent berechnet, belaufen sich auf 813.685,01 Euro. So steht es auf einer Hinweistafel. Ob die Rechnung aufgeht?

In Venedig


Biennale (1): Die 57. Kunstbiennale von Venedig feiert die Kunst der Gegenwart als einen neuen Humanismus. Vertreten sind vor allem junge, oft unbekannte Künstlerinnen und Künstler. Doch ein alter Hase wie Franz Erhard Walther aus Fulda wurde mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet Venedig (bis 26.11.) Wohin geht die Kunst? Sie überquert Abgründe. Eine Videoarbeit von Taus Makhacheva, eine 34jährige Künstlerin aus Dagestan, bringt diese Biennale auf den Punkt. Sie zeigt wie ein Hochseilartist über ein Drahtseil balanciert, das unter freiem Himmel zwischen zwei eng nebeneinander liegenden Gebirgskuppen gespannt ist. Er bringt Gemälde von einem offenen Lager auf der einen Kuppe in eine geschlossene Struktur auf der anderen. Dafür hängt der Artist jeweils ein Bild an die äußeren Enden seiner Balancierstange. So gleichsam mit höchstem Risiko spielerisch transportiert er im Video „Tightrope“ rund 58 Minuten lang die Kunst von einer zu anderen Seite.

EIN DRAHTSEILAKT



Biennale (2): Anne Imhof bespielt den Deutschen Pavillon mit der beeindruckenden Performance „Faust“ – und hat dafür einen goldenen Löwen bekommen Venedig (bis 26. November) – Das Gebäude ist schwer gesichert. Ein hoher Gitterumlauf schließt es ein. Im Umlauf drehen – mit langen Pausen nach den strengen Regeln des Tierschutzes – vier Dobermann-Hunde ihre Runden. Im bis unter das Dach ganz weiß getünchten Inneren bewegt man sich im Hauptsaal wie in den Nebenräumen auf einem erhöhten Glasboden und zwischen Glaswänden. Alles erscheint kalt, steril, unnahbar und zugleich zerbrechlich. Ein Gefühl der Unsicherheit macht sich breit. Unter dem Boden und hinter den Glaswänden bewegen sich einige junge Männer und Frauen. Stumm, teilnahmslos bilden sie mit ihren Körpern Ensembles, die laufend wechseln. Lebende Bilder, die Machtbeziehungen erkennen lassen, Gewalt suggerieren, seelische Verletzungen spürbar machen, aber auch Befreiungen andeuten. Das Glas schafft Distanz, es macht jedoch den Besucher mit seinen Blicken andererseits zum Beteiligten. Weitere Performer kommen herausgekrochen und marschieren zwischen den Besuchern durch den Raum. Einige bewegen sich in schwindelnder Höhe am Deckenrand (aber mit einem Gurt gesichert) auf einem schmalen Grat. Dazu ertönt aus Lautsprechern ein Soundtrack aus Musik, Stimmen und Geräuschen.

IN AUSGESCHLOSSENER GESELLSCHAFT


Venedig, Anfang Mai 2017 – Sanft gleitet das Holzboot durch den engen Kanal. Eine mehrere Jahrzehnte alte, traditionelle Sampierota mit einem Ruderer am Heck. Auf der Bank am Bug sitzt Anna Ammirati, der man ihre 75 Lebensjahre wirklich nicht ansieht. Trotz vergangenen Himmels trägt sie eine dunkle Brille. Sie ist seit ihrer Geburt blind. Doch Venedig kennt sie trotzdem wie ihre Westentasche. Vor allem das Viertel hinter dem Arsenale, wo ihr Vater früher als Offizier stationiert war. Anna kennt die Geräusche, weiß in welchen Kanal wir einbiegen, unter welcher Brücke wir durchfahren. Sie erzählt vom Viertel hier bei S.Pietro di Castello.

In Venedig



Das Buch „Henry James in Venedig“ und ein Gespräch mit Hanns-Josef Ortheil, der die Texte von James mit einem mehrteiligen Essay begleitet hat Venedig – Der Winter ist eine gute Jahreszeit, um die Lagunenstadt zu besuchen. Noch hat der Tourismus sie nicht so entstellend im Griff, wie zwischen Frühling und Herbst. Man kann Spuren nachgehen, die etwa ein Henry James (1843 – 1916) gelegt hat. Der amerikanische Autor reiste in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts viele Male nach Venedig. Er dachte zeitweilig sogar daran, sich hier ganz niederzulassen. Wie er sich in kleinen Essays und Reiseberichten mit der Stadt auseinander gesetzt hat, ist in dem Band In Venedig nachzulesen, der in der Dieterich’schen Verlagsbuchhandlung (Mainz) erschienen ist. Der Stuttgarter Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil hat darin über einen begleitenden Essay gleichsam den Dialog mit James wie mit dem Leser gesucht. In einem Gespräch mit Hanns-Josef Ortheil ließen sich Eindrücke von der Lektüre des Buches vertiefen. Das Gespräch fand Mitte Dezember 2016 im Deutschen Studienzentrum Venedig (*) statt.

„ERST WENN DU TAG FÜR TAG DORT LEBST, SPÜRST DU ...