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    DIE VILLA AM SEE

    Carl Wilhelm Macke: Eine sentimentale Erinnerung

    Bracciano in einer historischen Fotografie

    Bracciano in einer historischen Fotografie

    Ein Teil von uns muß bereits lange vor unserer Zeit
    seinen Anfang genommen haben. Anders als einen die
    Erfahrung lehrt, habe ich den Eindruck, daß man nicht
    auf einmal geboren wird. Ich glaube, daß man Stück
    für Stück auf die Welt kommt, daß auch ich auf gewisse
    Weise schon weit vor meiner Zeit begonnen habe.
    ( Richard Obermayr „Das Fenster“ )

    Ferrara/Vicarello (Bracciano) - Zusammen mit vier Freundinnen verbrachte meine Mutter Anfang der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts einige Monate in dem kleinen Ort Vicarello am Lago di Bracciano, nördlich von Rom. Dort befand sich in jenen Jahren eine kleine vatikanische Sommerresidenz, der auch eine von Nonnen geleitete Hauswirtschaftsschule angegliedert war. Wer die jungen Frauen aus dem mit Gottvertrauen und – jedenfalls in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts - mit Priestern überreich gesegneten Oldenburger Münsterland dorthin geschickt hatte, weiß ich nicht. Vermutlich haben meine Großeltern, die in einem Nest in jener Gegend ein Hotel besaßen, die Adresse von einem örtlichen Pfarrer oder, was wahrscheinlicher ist, von Dominikanern erhalten, die ein Internat in dem Ort unterhielten.

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    EIN ROTES TUCH

    Peter Kammerer:
    Das Kommunistische Manifest, Bert Brecht und Pier Paolo Pasolini

    Bertolt Brecht - italienische Briefmarke 1998

    Bertolt Brecht von Italien aus gesehen - Briefmarke aus dem Jahr 1998

    Urbino - Das Kommunistische Manifest von Marx und Engels gehört zunächst einmal ganz einfach zur Weltliteratur: Nicht wegen der in allen möglichen Sprachen übersetzten, hohen Auflagen. Die Autoren wären steinreich geworden, hätten sie auch nur einen Teil der Tantiemen genießen können. Und auch nicht wegen der Folgen, über die man streiten kann. Sondern Weltliteratur, weil ein bedeutender Gegenstand, eine Philosophie der Geschichte, eine Summe von Erkenntnissen über die Entwicklung der modernen Welt, ihre adäquate sprachliche Form gefunden haben: aufwühlend, verständlich, einprägsam, schön. Sätze, die man von Mund zu Mund weitergeben kann, so wie Bert Brecht sagte: „Von den Antennen kommen die alten Dummheiten. Die Weisheit wird von Mund zu Mund weitergegeben.“

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    DIE VERZAUBERUNG IST LANG

    Carl Wilhelm Macke:
    Über den Dichter Biagio Marin aus Grado

    copyright Biagiomarin.it

    Biagio Marin 1891 - 1985

    Ich, um zu geben
    nur Worte hab ich bereit
    nur das Gedicht
    das Atemkleid.

    Die hab ich gebreitet
    über die Insel
    ein tiefblauer weiter
    beständiger Himmel.

    Dann wehte der Jahreswind
    der Nord oder West
    das Sein bleibt nicht fest
    und sie schwinden. (1)

    Ferrara/München - Wie entdeckt man eigentlich Dichter und ihre Gedichte? Zum Beispiel auf Umwegen über die Werke anderer Schriftsteller, wo man zum ersten Mal den Namen eines unbekannten Dichters liest. Die lange Reise von Claudio Magris entlang der Donau („Biographie eines Flusses“, München, 1988) endet mit einem Zitat, das mich neugierig gemacht hatte. „Mach, daß mein Tod, Herr“, heißt es in einem Vers von Biagio Marin, „sei wie das Fließen eines Stromes in t’el mar grando, in das große Meer“.

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    ABSCHIED VON GESTERN

    Carl Wilhelm Macke:
    Über den italienischen Schriftsteller und Bücherfreund Alberto Vigevani

    Einladung zu einer Tagung über Alberto Vigevani an der Universität Mailand 2009

    Einladung zu einer Tagung über Alberto Vigevani an der Uni Mailand 2009

    Ferrara/Mailand - Verstreut über die Jahrzehnte zwischen der Endzeit des italienischen Faschismus und den späten neunziger Jahren des XX. Jahrhunderts wurden von Alberto Vigevani (Mailand 1918 – Mailand 1999) insgesamt 16 dreißig Prosabände veröffentlicht. In deutscher Sprache liegen bislang nur wenige Erzählungen von Alberto Vigevani vor. Im Jahre 2007 erschien in der Friedenauer Presse der „Sommer am See“. Zusammengefasst in einem Band kamen dann zwei Jahre später die beiden Erzählungen „Ende der Sonntage“ und „Brief an Herrn Alzheryan“ und zuletzt der Roman „ La Belle – ein Trugbild“ heraus. In der professionellen Literaturkritik fanden diese Texte – in der Übersetzung von Marianne Schneider – ein einhellig positives, ja enthusiastische Echo. Dass Vigevani dadurch einem größeren Lesepublikum bekannter geworden ist, darf man allerdings bezweifeln.

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    GEGEN DIE BARBAREI

    Carl Wilhelm Macke:
    Zum 100. Geburtstag von Giorgio Bassani (4. März 2016 )

    copyright Centro Studi Bassaniani di Ferrara

    Giorgio Bassani, (Bologna) 1916 - (Rom) 2000

    Ferrara - In den Tagen unmittelbar nach dem Tod von Giorgio Bassani am 13. April 2000 erschien in der Lokalzeitung Nuova Ferrara immer wieder dasselbe Foto. Man sah Giorgio Bassani in Garten seines Hauses in der Via Cisterna del Follo sitzen und neben ihm eine junge Frau. Die Leser der Zeitung erfuhren nicht, wer diese Frau war. Es handelte sich um Heidemarie Stücker, eine junge deutsche Romanistin, die Ende der achtziger Jahre nach Ferrara gekommen war, um mit Bassani über sein Werk zu sprechen. Heidemarie Stücker, die inzwischen leider verstorben ist, war eine von jene auffallend vielen deutschen Lesern, die schon früh die Literatur von Giorgio Bassani bewunderten. Und am Tag nach dem Tod des Schriftstellers schrieb die Süddeutschen Zeitung, dass die Romane von Bassani in Deutschland immer eine ganz besonders große Resonanz gefunden haben.

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