Peter Kammerer


EIN ROTES TUCH

Peter Kammerer:
Das Kommunistische Manifest, Bert Brecht und Pier Paolo Pasolini

Bertolt Brecht - italienische Briefmarke 1998

Bertolt Brecht von Italien aus gesehen - Briefmarke aus dem Jahr 1998

Urbino - Das Kommunistische Manifest von Marx und Engels gehört zunächst einmal ganz einfach zur Weltliteratur: Nicht wegen der in allen möglichen Sprachen übersetzten, hohen Auflagen. Die Autoren wären steinreich geworden, hätten sie auch nur einen Teil der Tantiemen genießen können. Und auch nicht wegen der Folgen, über die man streiten kann. Sondern Weltliteratur, weil ein bedeutender Gegenstand, eine Philosophie der Geschichte, eine Summe von Erkenntnissen über die Entwicklung der modernen Welt, ihre adäquate sprachliche Form gefunden haben: aufwühlend, verständlich, einprägsam, schön. Sätze, die man von Mund zu Mund weitergeben kann, so wie Bert Brecht sagte: „Von den Antennen kommen die alten Dummheiten. Die Weisheit wird von Mund zu Mund weitergegeben.“

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STILLER GEFÄHRTE DER NACHT

Der Politiker und marxistische Theoretiker Pietro Ingrao, der am 27. September 2015 in Rom im Alter von 100 Jahren gestorben ist, prägte als Widerstandskämpfer und Mitglied der kommunistischen Partei die Geschichte der italienischen Arbeiterbewegung. Von 1976 bis 1979, den Jahren unter anderen der Moro-Entführung, saß er als Präsident der Abgeordnetenkammer vor. Eine Würdigung von Peter Kammerer

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Pietro Ingrao auf einer Kundgebung 1980 in Anagni

“Volevo la luna” heißt der Lebensbericht, den Pietro Ingrao (1915-2015) im Jahre 2006 veröffentlicht hat. Ein vieldeutiger Titel in einer Sprache, die mit dem Mond wechselhafte Gemütszustände, Unmögliches und Illusionen verbindet. Er erinnert an Lucio Magri`s “Der Schneider von Ulm”, in dem erstmals umfassend Höhenflug und Absturz der italienischen Kommunisten analysiert wird. Ein zu früh unternommener Versuch der Menschheit zu fliegen? Ingrao berichtet von der Faszination des „Unmöglichen“, vom langen Anlauf einer Jugend unter dem Faschismus, von der Resistenza, vom Aufbau einer Demokratie, der nicht die kapitalistische Manipulation, wohl aber die Irrwege des orthodoxen Kommunismus erspart geblieben sind. Aber wie fast alle Erinnerungen der großen kommunistischen Intellektuellen Italiens enden auch diese Memoiren abrupt in den 70er Jahren mit dem “Historischen Kompromiß” und der Ermordung Moro`s (1978). Der Absturz der Kommunistischen Partei und seine Folgen werden nicht thematisiert. Doch was ist in den Jahren zuvor und in den 25 Jahren, die folgten, mit den Menschen in Italien passiert? Was verbirgt oder beleuchtet der Mond, der Gedankenfreund und “stille Gefährte der Nacht”?

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EIN ABGRUND ZWISCHEN DEN WELTEN

Peter Kammerer:

Pier Paolo Pasolini und die Rolle der Poesie

Vor 40 Jahren Abschied von Pier Paolo Pasolini: am Sarg der Schauspieler Franco Citti - im Hintergrund KP-Chef Enrico Berlinguer

Pier Paolo Pasolini (1922-1975) ist als Dichter geboren. Zeit seines Lebens gibt er an bestimmten Wendepunkten seinen Lesern Rechenschaft über die Erfüllung dieses Auftrags. Sein erstes Gedicht schreibt er als Zweitklässler im Jahre 1929. Seine Mutter zeigt ihm, wie man ein Gedicht selbst machen und nicht nur in der Schule lesen kann. In einem Sonett erklärt sie dem Kind ihre Liebe. Wenige Tage später verfasst der Siebenjährige Verse, deren Worte „rosignolo“ und „verzura“ er später erinnert. Das erste, mit französischem Anklang, bedeutet „Nachtigall“, das zweite ist ein sehr gewählter Ausdruck für „Grün“. Instinktiv habe er, natürlich ohne Petrarca zu kennen, „den klassizistischen Code von Auslese und Erlesenheit benutzt“. (1) Pasolini wird diesen Code aber auch immer durchbrechen, wie Heiner Müller feststellt: „das ist eine Qualität bei ihm: einerseits ein hoher Ton, der aber immer offen ist auch für ganz niedrige Elemente, für Jargons, Slangs und Alltagssprache“. (2)

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