Literatur


Der Roman „Der kunstfertige Fälscher“ von Maria Attanasio erzählt von einem Leben auf Sizilien (und in der Welt), das in wohltätiger Selbstjustiz seine Erfüllung findet Mailand – Das ist wirklich ein „kurioser Fall“, wie es im Untertitel dieser höchst lesenswerten Geschichte von Maria Attanasio heißt. Die Autorin erzählt von Paolo Ciulla (1867 – 1931), einem Künstler und Fotografen aus ihrer sizilianischen Heimatstadt Caltagirone, der nach einem abenteuerlichen Leben zwischen Neapel, Paris, Buenos Aires schließlich in Catania zum Geldfälscher wurde. Aber nicht, um sich zu bereichern oder um sich in den Dienst maffiöser Gruppen zu stellen. Er war ein Einzelgänger, der aus „Hunger nach Gerechtigkeit“ zu einer ganz eigenen Art der Selbstjustiz griff, indem er Armen und Ausgebeuteten von ihm perfekt nachgemachte 500-Lire-Scheine zusteckte, die sogar die Staatsbank nicht als Fälschung erkannte.

CHRONIK EINES EINZELGÄNGERS


Es ist berührend, beim Sterben eines Baumes dabei zu sein. Im Kreislauf des sich erneuernden Lebens der Natur. Auch in der Stadt. Mailand – In den Giardini Pubblici stand eine mächtige Eiche, zehn Meter hoch mit einem Stammumfang von fast fünf Metern, einer der ältesten Bäume des 1780 in Mailand angelegten Stadtparks. Eine Quercus rubra (Roteiche), die ursprünglich aus Nordamerika stammt und mit dem 18. Jahrhundert auch in Europa angesiedelt wurde. Pilze und Ungeziefer hatten ihren Rumpf befallen und Krankheiten die Kräfte ihre Äste geschwächt. Gegen Ende konnte sie nur noch von Eisenträgern gehalten aufrecht stehen. Im Oktober 2019 brach sie, von Vandalismus zusätzlich geschwächt, bei einem Herbststurm zusammen. Sie hatte am Rand einer teils offen liegenden, teils von Bäumen umgebenden Wiese nicht weit vom östlichen Zugang des Parks bei der Porta Venezia entfernt gestanden. Man nannte sie La quercia di Montale – „Die Eiche von Montale“.

DIE EICHE VON MONTALE



30 giorni a Hong Kong – Lisa Jucca erzählt vom wütenden Widerstand der Opposition im Herbst 2019 und der Enttäuschung, die sich in Chinas Sonderverwaltungszone breit macht Mailand – Die Welt hat sich von Hong Kong abgewendet. Sicher: Der Massenrücktritt von 15 Abgeordneten der pro-demokratischen Opposition, nachdem vier Kollegen von der chinesischen Zentralregierung kurzerhand suspendiert worden waren, war unseren Medien noch Anfang November eine Meldung wert. Aber unter der Hand wird längst akzeptiert, dass die ehemalige britischen Kolonie ihren semiautonomen Status verloren hat und von Peking aus regiert wird. Der entscheidende Umbruch, auch der Niedergang der Protestbewegung, spielte sich im vergangenen Herbst zwischen Oktober und November ab. Die Mailänder Journalistin Lisa Jucca erzählt von diesen Wochen in einem informativen wie spannend zu lesendem Buch, das gerade bei Scalpendi Editore erschienen ist: 30 giorni a Hong Kong.

FRAGMENTE EINES PROTESTS


Eine anregende wissenschaftliche Tagung in der Lagunenstadt am Deutschen Studienzentrum über das Thema Brücke, Literatur und Migration Venedig – Welche Rolle kann Literatur als Brücke spielen? Im Deutschen Studienzentrum Venedig (DSZV) trafen sich jetzt deutschsprachige und italienische Literaturwissenschaftler, um verschiedene Aspekte der Migrationsbewegungen in Texten, Comics oder auch Filmen zu diskutieren. Es ging darum – unter der Organisation von Barbara Kuhn (Uni Eichstätt) und Marita Liebermann (DSZV) -, das Bild der Brücke kritisch zu reflektieren sowie den Begriff der Migrationsliteratur unter die Lupe zu nehmen. Ohne Scheu vor der umfassenden Thematik und dem weit ausufernden Material gelang es den Teilnehmern aus Konstanz oder Berlin, Bologna oder Innsbruck, Graz oder Paderborn, sich in ihren Beiträgen – gleichsam wie bei einer Akupunktur – der Vielseitigkeit der Aspekte zu stellen ( – hier ein pdf mit Programm und Teilnehmern zum runterladen). Wobei Migration in ihrer ganzen Brandweite zwischen Flucht und Tourismus, zwischen ökonomischen und kulturellen Bewegungen verstanden wurde.

VENEDIG ALS METAPHER



Jürgen Hosemann hat mit „Das Meer am 31. August“ eine wundervolle Erzählung über die Langsamkeit und das Warten auf Veränderungen geschrieben Mailand/Grado – Das ist wie Urlaub vom Urlaub. Fast 24 Stunden verbringt der Ich-Erzähler am Meer, lässt die Familie hinter sich. Zwischen dem Morgenlicht, das flackert, „als könnte es jederzeit wieder ausgehen“, bis zur Nacht, als es so dunkel ist, „dass die Erinnerung das Einzige ist, was man sieht.“ Der Erzähler kann spüren, „wie der Tag durch mich hindurch zieht.“ Er beobachtet sich, indem er anderen zusieht. Indem er auf Veränderungen wartet. Im Licht. Im Wind. Im Meer. Indem er vieles notiert, um all das Unaufgeregte nicht zu vergessen. Eine Schwimmerin mit roter Badekappe. Ein Liebespaar auf den Felsen des Wellenbrechers. Einsiedlerkrebse im Priel. Schiffe auf dem Wasser. Und: „15 Uhr 35. Nichts.“

DIE ZEIT IST WEG