Literatur


50 Jahre Premio Nonino: Mit dem angesehenen Kulturpreis werden in diesem Jahr Michael Krüger sowie Germaine Acogny, Dominique de Villepin und Ben Little geehrt Mailand/Ronchi di Percoto (UD) – Der Premio Nonino, der regionale Weinkultur mit internationaler Kultur und Wissenschaft verbindet, feiert in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen. Mit dem „Premio Internazionale Nonino 2025“ wird jetzt der Münchener Schriftsteller Michael Krüger für sein Gesamtwerk ausgezeichnet. In weitere Sparten des Nonino-Kulturpreises werden die Choreografin Germaine Acogny (Senegal), der Politologe und Essayist Dominique de Villepin (Frankreich) sowie der Weinproduzent Ben Little (Irland aber im Friaul beheimatet) geehrt. Die Auszeichnungen, die mit 10.000 Euro dotiert sind, werden am 25. Januar 2025 bei einer Festveranstaltung in der 1897 gegründeten Destillerie Nonino in Ronchi di Percoto bei Udine übergeben. Die Preisverleihung ist dem im Juli 2024 im Alter von 90 Jahren verstorbenen Winzer Benito Nonino, dem „Vater der italienischen Grappa“ gewidmet. Der hat, so die Londoner Times,  „mit seinem Familienunternehmen den armen Verwandten des Weins in ein edles Getränk verwandelt“.

EINE KULTURLEISTUNG


Unterwegs zwischen den Jahren in „bald fröhlicher bald nachdenklicher Weise“. Zeit für Lektüre, für Rück- und Ausblicke, für verschreckte Blicke in die „Gesichter der Hausenden“ und für Hoffnungen auf die „Freiheit der Vernunft“ Mailand – Verlegte Zeitungsausschnitte tauchen auf, Bücher werden am Teetisch durchgeblättert. Gedanken entfalten sich, ohne gleich nach Umsetzung zu rufen, sie lassen sich breiter streuen, vergehen wieder. Erinnerungen an alte Texte werden wach. „Wer nur einigermaßen zur Freiheit der Vernunft gekommen ist, kann sich auf Erden nicht anders fühlen, denn als Wanderer.“ Friedrich Nietzsche in „Menschliches, Allzumenschliches“ war so ein Wanderer.  Man liest bei ihm (Band 1, Aphorismus 638), dass einer, der mit offenen Augen in der Welt unterwegs sei und dabei das Ganze im Blick habe, „sein Herz nicht allzu fest an alles Einzelne anhängen“ dürfe. Es müsse in ihm selber „etwas Wanderndes sein, das seine Freude an dem Wechsel und der Vergänglichkeit habe.“

WANDERUNGEN



Peter Peter schreibt in seinem kulturhistorischen Reiseführer „Blutorangen“ wie aromatische Zitrusfrüchte Italien, Europa und uns eroberten Mailand – Italien ist – natürlich – das Land, wo die Zitronen blühen und im dunklen Laub die Goldorangen glühen. Dahin, dahin will uns der „Gastrosoph“ und Kulturwissenschaftler Peter Peter mit seinem kleinen, leuchtend rot eingebundenen Buch „Blutorangen“ ziehen. Die kalte Jahreszeit, die Wochen um Weihnachten und zum Jahresbeginn sind eine ideale Zeit, um „eine Reise zu den Zitrusfrüchten Italiens“, so der Untertitel anzutreten. Denn die duftenden Agrumen versprechen Süden, Sommer und Sonne, reifen jedoch im Winter und bereichern unseren Vitaminhaushalt, wenn es in geheizten Zimmern wohlig warm ist. Sie stammen aus Asien, bevor sie auch im Westen, schon zu Zeiten der Römer, aber besonders mit den Kreuzzügen vor allem in Italien Lebensraum fanden und heute in ganz Südeuropa verbreitet sind. Ihre ursprüngliche Herkunft steckt noch in manchen regional geprägten Namen: Holländer nennen etwa die Süßorange „sinaasappel“ oder Norddeutsche sprechen von der „Apfelsine“, dem Apfel aus China, passend zum Fachbegriff „Citrus sinensis“.

DER DUFT DES SÜDENS


Stefano Massini bringt in Mailand eine Textmontage aus Hitlers „Mein Kampf“ auf die Bühne, als wäre das Buch ein Bildungsroman Mailand – „Ich wollte nicht Beamter werden, nein und nochmals nein.“ Adolf Hitler schrieb den ersten Band seiner autobiografisch geprägten politisch-ideologischen Propagandaschrift „Mein Kampf“ 1924 während einer Festungshaft nach dem gescheiterten Novemberputsch 1923. Der italienische Schriftsteller und Dramatiker Stefano Massini hat 100 Jahre danach den Theatertext „Mein Kampf“ (Untertitel „Nach Adolf Hitler“) verfasst, der im Frühjahr beim Einaudi-Verlag als Buch herausgegeben wurde und in Zusammenarbeit mit dem Teatro Stabile Bolzano gerade am Piccolo Teatro in Mailand seine Bühnenpremiere erlebte. Massini (geb. 1975), der auch im deutschen Sprachraum durch sein Stück (und Buch) über die Lehman-Brothers bekannt geworden ist, steht dabei selbst auf der Bühne. So hatte es ihm bereits sein Mentor Luca Ronconi geraten, mit dem Massini noch kurz vor dessen Tod 2015 erste Ideen zu dem von Anfang an als Monolog angelegten Stück diskutiert hatte.

NORMALITÄT DES BÖSEN



Nach den Schönheiten Italiens begannen die Deutschen vor rund 50 Jahren die literarischen Landschaften südlich der Alpen zu entdecken, während deutschsprachige Literatur im Bel Paese weiterhin ein Schattendasein fristet. Anlässlich der Buchmesse Frankfurt ein Blick auf die deutsch-italienischen Literaturbeziehungen Mailand – Italien und die Literatur – das ist ein merkwürdiges Kapitel. Einerseits ist Italien ein leseschwaches Land, in dem die Hälfte aller Bewohner kein einziges Buch im Jahr kauft. Andererseits hat es eine lebhafte Literaturszene mit mondänen Literaturpreisen (Strega, Campiello etc). Es gibt eine lebendige Buchmesse wie den Salone del Libro im Frühjahr in Turin und neben regionalen Veranstaltungen eine zweite Messe für mittlere und kleinere Verlage im Spätherbst in Rom sowie die internationale Kinder- und Jugendbuchmesse in Bologna. Dazu kommen von Nord bis Süd die vielen Buch- und Lesefestivals – meist lokal ausgerichtet oder die großen in Mantua (Festivaletteratura) oder in Mailand (Bookcity).

REIBEPUNKTE ZWISCHEN ALT UND NEU