Gestern…


im Theater: Ritorno a Reims

Thomas Ostermeier eröffnet mit einer gelungenen italienischen Adaption seiner „Rückkehr nach Reims“ die Spielzeit am Mailänder Piccolo Teatro

© Piccolo Teatro Milano/ Masiar Pasquali

Das Tonstudio im Theater - Sprachaufnahme zu einem Video

Mailand (Piccolo Teatro Studio Melato) – Bereits im vergangenen Jahr hatte ein ausländischer Regisseur wie Declan Donnellan der Spielzeit des Mailänder Piccolo einen internationalen Auftakt beschert. In diesem Jahr konnte es internationaler kaum sein. Denn das Stück Ritorno a Reims („Rückkehr nach Reims“) ist bereits ein Länder und Sprachen übergreifendes Projekt des Deutschen Thomas Ostermeier nach dem autobiographischen Essay „Retour à Reims“ des Franzosen Didier Eribon. Aufführungen gab es zuvor mit jeweils lokalen Bezügen in Manchester (Sommer 2017), Berlin (Herbst 2017) und Paris (Winter 2019). Jetzt kommt Mailand dazu. Inhaltlich geht es um die Krise linker Politik angesichts wachsender populistischer und rechtsextremistischer Strömungen in Europa und den USA.

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im Kino: La mafia non è più quella di una volta

Franco Maresco spielt in seinem in Venedig preisgekrönten Film über den "Bauch" von Palermo mit Dokumentation und Fiktion

© Film "La mafia non è più di una volta"

Der Impressario und seine Bühne - Ciccio Mira in "Die Mafia ist nicht mehr das, was sie früher mal war"

Milano (Cinema Anteo) – Was ist von den Helden geblieben und für wen sind sie überhaupt Helden? 25 Jahre nach den Mafia-Morden an Giovanni Falcone und Paolo Borsellino untersucht der Filmmacher Franco Maresco die Stimmung in den Unterschichten von Palermo. Und entwirft, indem er Dokumentation und Satire mischt, ein grotesk-trübes Bild von „oben“ verordneten Erinnerungsriten und der Trostlosigkeit der Da-unten im "Bauch" der sizilianischen Regionalhauptstadt. Als Leitfiguren dienen ihm die Fotografin Letizia Battaglia – eine Veteranin auch der Antimafiabewegung – und der Impressario Ciccio Mira, der für eine Truppe von „neumelodischen“ Künstlern Auftritte bei Stadtteilfesten und in einem lokalen TV-Sender organisiert.

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in der Oper: Semiramide

Das 40. Rossini Opera Festival in Pesaro überzeugt mit einer Inszenierung der „Semiramide“, der letzten „italienischen“ Oper des Komponisten

© ROF2019

Voller Emotionen und Genderproblematik - Mutter Semiramide und Sohn Arsace (Salome Jicia, Varduhi Abrahamyan)

Pesaro – Die innere Logik des Rossini Opera Festivals (ROF) beruht auf einer einfachen Formel: Das Festival führt die Werke von Gioachino Rossini (1792 – 1868) nach der von der Fondazione Rossini erarbeiteten kritischen Werkausgabe integral auf. Der grösstmöglichsten musikalischen Treue steht eine weitgehende Freiheit in der Interpretation durch Regie und Bühnenbild gegenüber. Diese Dialektik garantiert dem Festival auch 40 Jahre nach seiner Gründung eine Frische, die sich in diesem Jahr mit der Aufführung der „Semiramide“ wieder einmal einstellte.

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in der Oper: I masnadieri

Die Inszenierung an der Mailänder Scala überzeugt musikalisch unter Dirigent Michele Mariotti. Der Regisseur David McVicar kämpft dagegen mit dem Libretto – und scheitert.

© Cluverius

Bevor der Vorhang aufgeht: Die Fratze des Bösen

Mailand (Teatro alla Scala bis 7.Juli) – Unter den Verdi-Opern gehören „I masnadieri“, die der „Schwan von Busseto“ mit nur 34 Jahren komponierte, zu den weniger bekannten. Nach der Premiere 1847 in London, die Verdi selbst dirigierte, wurden das Werk nur drei Mal auf der Scala aufgerührt, zuletzt 1978 unter der musikalischen Leitung eines damals 25jährigen Riccardo Chailly, heute musikalischer Leiter der Mailänder Oper. Das hat auch mit dem missglückten Libretto von Andrea Maffei zu tun, der Friedrich Schillers Drama „Die Räuber“ verhunzte. In Mailand kamen „I Masnadieri“ jetzt unter der musikalischen Leitung von Michele Mariotti und der Regie des Briten David McVicar neu heraus.

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im Kino: Il traditore

Marco Bellocchio erzählt die Geschichte von Tommaso Buscetta, der als „Ehrenmann“ der italienischen Justiz das Innenleben der Cosa Nostra aufdeckt und so zur Verurteilung Hunderter Mafiosi beiträgt.

© Fabio Lovino

Die Todesangst begleitet Don Masino überall - Pierfrancesco Favino als Tommaso Buscetta

Mailand (Cinema Arlecchino) - Er sei kein pentito, kein „Reumütiger“, beteuert Tommaso Buscetta gegenüber Staatsanwalt Giovanni Falcone, der ihn zur Mitarbeit mit den Justizbehörden bewegt hat. Als ehemaliger Ehrenmann der Cosa Nostra glaubt Don Masino weiterhin an die traditionellen Regeln der sizilianischen Mafia, die aber von Totò Riina und den Corleonesen mit den Füßen getreten werden, nachdem sie sich in einem blutigen inneren Krieg in den 1980er Jahren an die Spitze der kriminellen Vereinigung geputscht hatten. Marco Bellocchio erzählt in seinem Film Il traditore („Der Verräter“) die Geschichte eines Verbrechers, der als Kronzeuge zur Verurteilung von 346 Mafiosi (darunter 19 mal lebenslänglich) im ersten sogenannten Maxiprozess 1987 in Palermo beiträgt.

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im Theater: Gul – Uno sparo nel buio

Gemma Carbone eröffnet mit ihrem Stück über den Mord an Olof Palme im Teatro Elfo Puccini eine Reihe von neuen Inszenierungen junger Autoren zu politischen Themen im italienischen Theater

© Teatro Elfo Puccini/Carlotta Musardo

Spurensuche und Gefühle - Gemma Carbone

Mailand (Teatro Elfo Puccini) – Politik, Leidenschaft, Macht – unter diesen Stichworten hat das Teatro Elfo Puccini seine diesjährige Reihe Nuove storie ("Neue Erzählungen") gestellt, die – so der Kurator Francesco Frongia – mit jungen Theatergruppen politisch unbequeme Themen aufgreifen und ihre Umsetzung auf der Bühne untersuchen will. Den vielversprechenden Anfang machte jetzt Gemma Carbone mit ihrem Stück Gul – Uno sparo nel buio („Gelb – Ein Schuss im Dunkel“). Dabei geht es um den Mord an Schwedens Ministerpräsident Olof Palme.

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in der Oper: Manon Lescaut

Die Scala bringt Giacomo Puccinis erste große Erfolgsoper in einer Urfassung heraus

© Brescia/Amisano - Teatro alla Scala

Vom Barock in die Puccini-Zeit: David Pountney inszeniert "Manon Lescaut" vor dampfenden Lokomotiven - rechts auf einem Karren Maria José Siri als Manon

Mailand (Teatro alla Scala bis 27.4.2019) – Großer Bahnhof für Manon an der Scala: Der britische Regisseur David Pountney verlegt die Handlung der Oper von einer Taverne des 18. Jahrhunderts in einen Bahnhof zur Puccini-Zeit an die Wende zum 20. Jahrhundert. Und läst mächtige Züge über die Bühne (Leslie Travers) rollen. Was durchaus einleuchtet, wollte einem der Tradition verhafteten Teil des Mailänder Publikums nicht gefallen. Und so gab es nach der Premiere der Manon Lescaut im Saal eine Schlacht zwischen stürmischen Beifall und kräftigem Buh-Rufen. Gefeiert wurden auch bei den Wiederaufführungen dagegen unisono Riccardo Chailly und die Stimmen – allen voran Maria José Siri (Manon) und Massimo Cavalletti (Lescaut), etwas weniger Roberto Aronica (Des Grieux).

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im Kino: Capri-Revolution

Mario Martone erzählt in einer Art Bildungsroman von der Ziegenhirtin Lucia und beschreibt die Faszination (und das Scheitern) alternativer Lebensformen

© Indigo Film/Pathé/Rai-Cinema

Sich dem Neuen offen stellen - Marianna Fontana als Ziegenhirtin Lucia

Mailand (Cinema Anteo) – Eine Gruppe von Aussteigern aus verschiedenen europäischen Ländern suchen auf Capri in den Jahren vor Ausbruch des ersten Weltkrieges ein Refugium. Sie möchten abgeschieden vom bewohnten Teil der Insel in der Natur und mit Mitteln der Musik und des Tanzes neue Formen des Zusammenlebens ausprobieren. Für Lucia, eine zwanzigjährige Ziegenhirtin und Analphabetin, bedeutet dagegen Natur Arbeit um zu überleben. Sie fühlt sich von der Gruppe und besonders von ihrem Anführer, dem Maler Seybu, angezogen. Lucia bricht mit ihrer Familie und schließt sich der Gruppe an, wo sie Lesen, Schreiben und Englisch lernt.

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im Theater: Lo Strano Caso del Cane Ucciso a Mezzanotte

Mit Simon Stephens Erfolgsstück am Teatro Elfo Puccini ins neue Jahr

© Laila Pozzo/Elfo Puccini

Berührungsängste - Daniele Fedeli als Christopher und Alice Redini als Judy

Mailand (Teatro Elfo Puccini bis 13.1.) - Die Geschichte von Christopher Boone handelt von einem verhaltensgestörten aber mathematisch hochbegabten Jugendlichen, der in einer englischen Kleinstadt allein mit seinem Vater lebt. Christopher möchte den gewaltsamen Tod eines Hundes in seiner Nachbarschaft aufklären und löst dabei das Rätsel um seine verschwundene Mutter. Mark Haddon erzählt die ernste Geschichte mit leichter Hand in seinem Erfolgsroman The Curious incident of the Dog in the Night-Time (2003). Der auch in Deutschland vielgespielte Simon Stephens hat daraus ein Bühnenstück gemacht (2012), das zunächst in London und dann in New York das Publikum begeisterte. Ferdinando Bruni und Elio De Capitani haben es jetzt im Teatro Elfo Puccini für das italienische Publikum bearbeitet herausgebracht – eine Inszenierung, die seit der Premiere am 5. Dezember für ausverkaufte Vorstellungen sorgt.

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im Kino: Troppa grazia

Gianni Zanasi erzählt eine Parabel über den Konflikt zwischen Vernunft und Irrationalität mit der glänzend aufgelegten Alba Rohrwacher

© IBC Movie/Pubkin Production

Verlässlich, überlegt, rational - die Vermesserin Lucia (Alba Rohrwacher)

Milano (Cinema Anteo) – Troppa grazia ("Zuviel Gnade", oder: "Zuviel des Guten") ist ein Film passend zur Advents- und Weihnachtszeit. Lucia (Alba Rohrwacher), eine Vermessungstechnikerin, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Sie hat sich von ihrem Partner Arturo (Elio Germano) getrennt und lebt mit der Tochter Rosa (Rosa Vannucci) im ländlichen Raum Mittelitaliens. Sie bekommt von einem lokalen Unternehmer (Giuseppe Battiston) den Auftrag die Kartierung für ein großes Imobilienprojekt mitten in bislang unberührter Landschaft zu erstellen. Bei den Arbeiten erscheint ihr die Madonna (Hadas Yaron). Lucia soll „den Menschen“ die Botschaft überbringen statt des geplanten Projektes dort eine Kirche zu errichten.

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in der Oper: Attila

Mit der patriotischen Oper des jungen Verdi eröffnet die Mailänder Scala unter großem Applaus ihre neue Spielzeit

© Brescia/Amisano - Teatro alla Scala

Rache im Namen des Vaterlandes - Saioa Hernandez als Odabella  e und Ildar Abdrazakov als Attila

Mailand (Teatro alla Scala bis 8.1.2019) – Kein Opernhaus der Welt feiert so festlich und so selbstbewusst seine Saisoneröffnung, wie es das Teatro alla Scala regelmäßig am 7. Dezember unternimmt. In diesem Jahr war das „Attila“ von Giuseppe Verdi. Riccardo Chailly dirigierte, Davide Livermore führte Regie und es sangen und spielten u.a. Saioa Hernández, Ildar Abdrazakov, Fabio Sartori und George Petean. 15 Minuten Applaus am Ende belohnten ihren Einsatz. Millionen  verfolgten die „Inaugurazione“ im Fernsehen, in Kinosälen, am Radio oder bei Übertragungen in Sozialeinrichtungen und öffentlichen Anlagen.

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in der Oper: Fin de Partie

Die Welturaufführung der Oper von György Kurtág nach dem Bühnenstück von Samuel Beckett in der Scala wurde zu einem von der Kritik gefeierten Erfolg

copyright Teatro alla Scala/Ruth Walz

Lange Schatten - im Rollstuhl Hamm (Frode Olsen) und sein Diener Clov (Leigh Melrose)

Mailand (Teatro alla Scala bis 25. 11.) – Fast zehn Jahre lang hat der Österreicher Alexander Pereira den Ungarn György Kurtág umworden, den Plan einer Oper zu Becketts Theaterstück Fine de Partie („Endspiel“) umzusetzen. Jetzt hat der 92jährige Kurtág Wort gehalten. Pereira – Intendant der Scala seit Oktober 2014 – kann so seinen bislang größten Erfolg am Mailänder Opernhaus auskosten. Die Welturaufführung am 15. November in französischer Sprache wurde von der nationalen wie internationalen Presse gefeiert. Ein Verdienst der Künstler, die Kurtágs Vorgabe auf hohem Niveau umzusetzen wussten: Markus Stenz, der das Scala-Orchester leitete, die Sänger, allen voran Frode Olsen als Hamm, Pierre Audi als Regisseur sowie seine Mitarbeiter für Bühne und Licht.

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im Konzert: Kurtág, Dusapin, Strawinsky

Eröffnungskonzert des 27. Festivals Milano Musica und eine Kurtág-Ausstellung. Am 15. November kommt es zur Welturaufführung von György Kurtágs Oper „Fin de partie“ (nach Beckett)

© Milano Musica/ M. Busacca

Zwiegespräch zwischen Vater und Sohn - György Kurtág Jr. (links) am Synthesizer beim Eröffnungskonzert in der Scala. Am Pult Gergely Madaras.

Mailand (20.10. bis 26.11.) – „What is the Word“ (Wie soll man sagen) ist der Titel eines Gedichtes von Samuel Beckett aus dem Jahr 1989 – seine letzte Arbeit. Das Gedicht kann als Leitmotiv für das diesjährige Festival Milano Musica gelten, das den Untertitel „György Kurtág. Beckett hören“ trägt. Zur Eröffnung gab es einen Konzertabend in der Mailänder Scala. Auf dem Programm standen „Zwiegespräch“ (Dialog für Synthesizer und Orchester) von György Kurtág und György Kurtág Jr., „Watt“ (für Posaune und Orchester) von Pascal Dusapin und nach der Pause Igor Strawinskys „Petruschka“. Die Filarmonica della Scala dirigierte der Ungar Gergely Madaras. Parallel dazu wurde eine Ausstellung zu Leben und Werk Kurtágs im Foyer der Scala eröffnet.

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im Kino: Nome di donna

Regisseur Marco Tullio Giordana erzählt, wie sich eine junge Frau in der norditalienischen Provinz gegen sexuelle Belästigung wehrt.

copyright Videa

Überzeugend im Kampf um Selbstachtung und Recht - Cristiana Capotondi als Nina

Mailand (Cinema Arcobaleno) – Nina, eine junge alleinerziehende Mutter, verliert in Mailand ihren Job als Restauratorin. Sie findet Arbeit im ländlichen Raum bei dem Institut Baratta, einem von der Kirche abhängigen luxuriösen Pflegeheim für ältere Menschen. Eine Aufgabe, die ihr Spaß macht und ihr Unabhängigkeit auch in ihrer Beziehung zu ihrem Freund sichert, der in Mailand in einem Architekturbüro arbeitet. Doch ruft der Direktor des Instituts sie eines Abends nach Dienstschluss in sein Büro und bedrängt sie sexuell. Wie er es auch mit anderen Mitarbeiterinnen des Baratta gemacht hat.

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im Theater: Freud o l’interpretazione dei sogni

Das Mailänder Piccolo Teatro zeigt Stefano Massinis neuste Bühnenarbeit „Freud oder die Traumdeutung“ in der Regie von Federico Tiezzi

copyright Masiar Pasquali/Piccolo Teatro

Sherlock Holmes der Psyche: Freud umgeben von antiken Artefakten - Fabrizio Gifuni in der Hauptrolle

Mailand (Piccolo Teatro) - Seit dem Erfolg von „Lehman Trilogy“ gilt Stefano Massini als einer der interessantesten Theaterautoren Italiens. Massini, 1975 in Florenz geboren, hat gerade bei Mondadori den Roman „L’interpretatore dei sogni“ (Der Traumdeuter) veröffentlicht. Ein Tagebuch, in dem der Ich-Erzähler Sigmund Freud Therapiegespräche mit seinen Patienten notiert. Mit der bahnbrechenden Arbeit „Die Traumdeutung“ war Freud an der Wende zum 20. Jahrhundert die Grundlegung der analytischen Psychologie gelungen. Wie er aber die Theorie der Traumdeutung aus Therapiegesprächen entwickelt, das spürt Stefano Massini in seinem Buch literarisch fiktiv nach. Im Piccolo Teatro Mailand kam der Text jetzt für die Bühne bearbeitet unter dem Titel „Freud o l’interpretazione dei sogni“ (Freud oder die Traumdeutung) zur Aufführung. Regie führte der Dramaturg, Schauspieler und Kunsthistoriker Federico Tiezzi.

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