Gestern…


in der Oper: Ti vedo, ti sento, mi perdo

Eine neue Oper von Salvatore Sciarrino, die in die Welt des Barocks eintaucht, beschließt die Spielzeit der Scala

copyright Teatro alla Scala / Matthias Baus

Kommt er, kommt er nicht? - Die Sängerin (Laura Aikin) und der Literat (Otto Katzameier) warten auf Stradella

Mailand (Teatro alla Scala) – Es gehört schon Mut dazu, die Welturaufführung einer Oper in den November und damit ans Ende der Spielzeit der Scala zu setzen. Denn in der Regel ist die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit dann bereits auf die jedes Jahr besonders herausgeputzte Saisoneröffnung der Mailänder Bühne am 7. Dezember gerichtet. Doch die Entscheidung, mit einem Ausrufezeichen die Spielzeit zu beenden, erwies sich als richtig. Die neue Oper von Salvatore SciarrinoTi vedo, ti sento, mi perdo“ („Dich sehen, dich spüren, mich verlieren“), eine Auftragsarbeit der Scala gemeinsam mit der Staatsoper Unter den Linden (Berlin), konnte einen erstaunlichen Erfolg beim Publikum verbuchen. Die Kritik äußerte sich vorsichtig positiv bis ablehnend über die Inszenierung, doch wahrgenommen haben die Medien sie alle.

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im Theater: Uomini e no

Die neue Bühnenfassung von Vittorinis Roman über den Mailänder Widerstand in der Regie von Carmelo Rifici im Piccolo Teatro

copyright Piccolo Teatro/Masiar Pasquali

Mit der Tram durch den Mailänder Widerstand - Bühnenbild für "Uomini e no"

Mailand (Piccolo Teatro) – Elio Vittorini schrieb in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs einen Roman über den Widerstand in Mailand, der kurz nach der Befreiung unter dem Titel „Uomini e no“ (Dennoch Menschen) erschien. Der Roman erregte inhaltlich (wegen seiner Nähe zum Geschehen im Winter 1944) und formal (eine stark dialogisierte Erzählweise, typenhafte Schilderung der Personen) Aufsehen und wurde zum Symbol für eine neue, engagierte Literatur. Heute ist er fast vergessen. Das Piccolo Teatro bringt ihn jetzt mit einer neuen Bühnenfassung von Michele Santeramo – eine erste gab es bereits in den 1960er Jahren – wieder in Erinnerung. Regie führt Carmelo Rifici, ein Ronconi Schüler, der auch die Schauspielschule des Piccolo leitet. Als Darsteller setzt er eine Gruppe junger, gerade an seiner Schule diplomierter Schauspieler ein.

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in der Oper: Der Freischütz

Regisseur Matthias Hartmann und Dirigent Myung-Whun Chung inszenieren den „Freischütz“ an der Scala schwungvoll und mit viel Ironie

copyright Brescia Amisano - Teatro alla Scala Milano

In der Wolfsschlucht: Kugeln vom "Schwarzen Jäger" - Max (links Michael König) und Kaspar (Günther Groissböck)

Milano (Teatro alla Scala) – Man singt und spricht viel deutsch in dieser Spielzeit an der Scala. Mozarts Entführung aus dem Serail, Wagners Meistersinger, Humperdincks Hänsel und Gretel und jetzt „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber (1786 -1826). In dieser durch und durch romantischen Oper, die 1821 in Berlin uraufgeführt wurde, geht es um Macht und Liebe und natürlich um den Kampf zwischen Gut und Böse. Matthias Hartmann hat das Singspiel inszeniert. Die Partitur wird unter der Leitung von Myung-Whun Chung vom Orchester schwungvoll umgesetzt. Überzeugend der Bass Günther Groissböck als verführerischer Kaspar und die Sopranistin Julia Kleiter als verliebte (und unter Hartmann auch kämpferische) Agathe – etwas weniger der Tenor Michael König als Max. Großartig klingen die Chöre.

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im Kino: A Ciambra

Im Film von Jonas Carpignano über das Erwachsenwerden eines jugendlichen Roma durchringen sich Fiktion und Dokumentation

copyright Prod. A Ciambra

Die Freundschaft als Probe - Der junge Roma Pio (Pio Amato) und der Einwanderer Ayiva (Koudous Seihon)

Mailand (Cinema Palestrina) – Der Film A Ciambra erzählt die Geschichte des 14jährigen Pio. Pio lebt in einer kleinen Gemeinschaft von Roma in Ciambra, einem berüchtigten Vorstadtviertel der Stadt Gioia Tauro (Kalabrien). Hier treffen Randgruppen der Gesellschaft aufeinander: Immigranten, Mafiosi und eben Roma, „die Zigeuner“. Eigentlich noch Kind will Pio in die Welt der Erwachsenen seiner Volksgruppe mit ihren Verhaltsmustern und Regeln meist jenseits der Legalität so schnell wie möglich hinein wachsen. Zäh verfolgte er sein Ziel, bis er, gleichsam als ein Initiationsritus, Verrat an dem afrikanischen Einwanderer Ayiva begehen soll, der ihm ein Freund geworden ist.

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in der Oper: Le siège de Corinthe

Beim Rossini Festival in Pesaro thematisiert die Inszenierung der „Belagerung von Korinth“ durch La Fura dels Baus einen möglichen Krieg um die Wasservorräte der Erde.

copyright Rossini Opera Festival

Tod in Korinth - Nino Machaidze als Pamyra una Luca Pisaroni als Mahomet

Pesaro (Adratic Arena) - Eine Hitzewelle überzieht Südeuropa. Wälder verbrennen, Flüsse und Seen trocknen aus und Wasser wird zu einer Kostbarkeit. Während die USA und Nordkorea aus vergleichsweise nichtigen Gründen ihre Atomwaffen in Stellung bringen, rückt so ein anderes Szenarium ins Bewusstsein – dass nämlich der nächste Weltkonflikt ein Krieg um die Ressource Wasser sein könnte. Wie sensibel Kunst und Kultur mögliche Problematiken vorweg nehmen können, kann man beim Rossini Opera Festival (ROF) in Pesaro an der Adriaküste erleben. Hier steht Oper Le siège de Corinthe (Die Belagerung von Korinth) im Mittelpunkt. Roberto Abbado dirigiert das Italienische Rundfunkorchester der RAI und Carlus Padrissa vom katalanischen Kollektiv La Fura dels Baus inszeniert die Handlung um einen türkisch-griechischen Konflikt eben als einen Krieg ums Wasser.

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im Kino: Sole cuore amore

Der Film von Daniele Vicari geht trotz dramaturgischer Schwächen unter die Haut.

copyright Fondango

Überzeugend - Isabella Ragonese als Eli, die sich zwischen Arbeit und Familie aufreibt

Mailand (Cinema Mexiko) – Der Titel – „Sole cuore amore“ – klingt nach Sommerkomödie. Doch der Film von Daniele Vicari erzählt eine ganz andere Geschichte. Eli lebt mit ihrem chronisch arbeitslosen Ehemann und vier Kindern in Pomezia. Sie fährt jeden Morgen, sieben Tage in der Woche, nach Rom, 2 Stunden hin, 2 Stunden zurück, um acht Stunden in einer Kaffee-Bar zu arbeiten. Unter ihr wohnt Vale, Tänzerin und Performerin, die eine konfliktvolle Beziehung mit ihrer Mutter durchlebt. Zugleich fühlt sich Vale von ihrer Tanzpartnerin angezogen. Eli und Vale, in gleichsam geschwisterlicher Solidarität verbunden, müssen einen Alltag bestehen, in dem Arbeit Mangelware bleibt oder in einer von Prekariat bestimmten Schattenwirtschaft kaum das Überleben ermöglicht. Und in dem Familie, Liebe gar, auf wenige Gesten reduziert wird. Wie Elis älteste Tochter sagt: „Wenn Frau werden heißt, ein Leben wie Du zu führen, dann möchte ich lieber sterben.“

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im Kino: Tutto quello che vuoi

Francesco Bruni hat eine liebevolle und zugleich bittere Komödie über die Generationen gedreht.

copyright IBC Movie

Der Poet und der Taugenichts - Giuliano Montaldo und Andrea Carpenzano

Mailand (Cinema Arcobaleno) – Ein 22jähriger Taugenichts, Alessandro, hängt den ganzen Tag mit seinen Freunden aus dem Viertel auf der Piazza rum. Dumme Sprüche, nichts im Kopf und unfähig tiefe Gefühle zu entwickeln. Doch bald erweist sich, dass man ihn und seine Freunde nicht so einfach abschreiben kann. Widerwillig nimmt Alessandro (Andrea Carpenzano) einen Job an. Er soll den 85jährigen Poeten Giorgio (Giuliano Montaldo), den die Alzheimerkrankheit nach und nach die Erinnerungen durcheinander bringt, auf Spaziergängen begleiten. Ein Dichter, der von seiner Umwelt längst vergessen worden ist. Was eine kopflastige Erzählung hart am Rand von Kitsch und Stereotype hätte werden können, wird in der liebevollen und zugleich bitteren Komödie „Tutto quello che vuoi“ („Alles, was du willst“) von Francesco Bruni stimmig.

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im Kino: Cuori puri

Der Erstlingsfilm von Roberto De Paolis erzählt eine Liebesgeschichte aus dem Alltag unserer Vorstädte zwischen Brutalität und Solidarität.

copyright Young Films/Rai Cinema

Eine Beziehung mit Gittern: Agnese (Selene Caramazza) und Stefano (Simone Liberati)

Mailand (Cinema Anteo) - Sie, Agnese, ist gerade achtzehn Jahre alt; er, Stefano, 25. Sie lebt mit ihrer Mutter und engagiert sich in einer kirchlichen Jugendgruppe an der römischen Peripherie (Tor Vergata). Er lebt allein und kommt aus Problem beladenen sozialen Verhältnissen. Sie versucht sich von der Kontrolle und der erdrückenden Liebe der Mutter zu lösen. Er verdient sich Geld als Wächter eines heruntergekommenen Parkplatzes, der an ein Lager von Roma und Sinti grenzt. Agnese und Stefano begegnen einander und es beginnt eine schwierige Beziehung.

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in der Oper: Die Meistersinger von Nürnberg

Daniele Gatti dirigiert an der Scala eine umjubelte Aufführung von Richard Wagners einziger Oper semiseria

copyright Teatro alla Scala Milano

Schuster und Meistersänger - Michael Volle überzeugt in der Rolle des Hans Sachs

Mailand (Teatro alla Scala) – Richard Wagner führt uns mit seinen Meistersingern (Uraufführung 1868) in die Renaissancezeit. Die Inszenierung an der Scala stellt sie unter der Regie von Altmeister Harry Kupfer in die Gegenwart. Die Geschichte eines Sängerwettstreits - als Preis winkt dem Sieger die einzige Tochter des reichsten Mannes der fränkischen Kaiserstadt - entwickelt sich auf dem Hintergrund des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Nürnberg und der Zeit des Wiederaufbaus . Die Brücke zwischen dem Gestern und Heute schlägt das von Daniele Gatti geführte Orchester mit einer wundervoll weichen Interpretation.

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im Kino: Padre d’Italia

Zwischen Lebensangst und Übermut - ein ungleichen Paar auf der Reise durch Italien. Zwei junge Erwachsene, denen es schwerfällt, erwachsen zu werden.

copyright Bianca Film

Lust am Leben - Isabella Ragonese in "Il Padre d'Italia"

Mailand (Cinema Mexico) – Paolo, 30 Jahre alt, lebt zurückgezogen in Turin in einer Problem beladenen homosexuellen Beziehung. Eines Abends trifft er auf die etwa gleichaltrige, im sechsten Monat schwangere Mia, die Sängerin einer Rockband. Nach einem Ohnmachtsanfall begleitet er sie ins Krankenhaus und beherbergt sie für eine Nacht in seiner Wohnung. Danach bringt die vitale, optimistische und zugleich etwas durchgedrehte Frau das stille Leben von Paolo völlig durcheinander.

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im Theater: Bestie di scena

Die Uraufführung von Emma Dantes neuestem Stück am Piccolo Theater

copyright Piccolo Teatro Milano/Masiar Pasquali

Schamlose Ernsthaftigkeit von "Bühnentieren" - Emma Dantes "Bestie di scene"

Mailand (Piccolo Teatro) – Das Stück „Bestie di scena“ („Bühnentiere“), das jetzt am Piccolo uraufgeführt wurde, ist ein Arbeit über Schauspieler. 14 Darsteller, sieben Frauen und sieben Männer der sizilianischen Compagnia Sud Costa Occidentale, zeigen sich auf der Bühne splitternackt. In langen Proben haben sie sich unter der Regie von Emma Dante damit auseinander gesetzt, Scham abzulegen, Blicke auszuhalten und die eigene Körperlichkeit frei, gleichsam „tierisch“ in ein Bühnenspiel einzubringen. Die „Bühnentiere“ spielen und kämpfen, schreien und streiten, lachen und werden verrückt.

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im Theater: Prima della Pensione

Thomas Bernhards italienische Fassung von „Vor dem Ruhestand“ mit Elena Bucci und Marco Sgrosso, die das Stück auch inszeniert haben, zwischen menschlicher Tragödie und politischer Satire

copyright Emilia Romagna Teatro Fondazione

Tragikomische Feier zu Himmlers Geburtstag - von links : Vera (Elena Bucci), Clara (Elisabetta Vergani) und Rudolf (Marco Sgrosso)

Mailand (Teatro dell’Elfo) – Das Stück, das wegen seiner realen politischen Bezüge eine Sonderstellung im Werk von Thomas Bernhard (1931 – 1989) hat, ist sperriger, als es zunächst scheint. Es nimmt den Fall des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger (CDU) zum Anlass, der währende der NS-Zeit als Marinerichter Todesurteile und Hinrichtungen zu verantworten hatte, was erst in den 1970er Jahre bekannt wurde und schließlich zum Rücktritt 1978 Filbingers führte. Der hatte sein Tun mit dem Satz entschuldigt „Was damals rechtens war, kann heute kein Unrecht sein“. Er war zuvor mit hohen Orden geehrt worden, unter anderen auch mit dem Verdienstorden der italienischen Republik (Ordine al Merito della Repubblica Italiana), was in Italien so gut wie unbekannt ist.

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in der Oper: Madama Butterfly

Die Scala eröffnet ihre Spielzeit mit Giacomo Puccini. Am Pult überzeugt Riccardo Chailly, ansprechend die Sänger, weniger überzeugend die Regie von Alvis Hermanis

copyright Teatro alla Scala

Madama Butterfly mit Maria José Siri (in der Mitte als Butterfly), sowie sitzend Bryan Hymel (Pinkerton) und Carlos Alvarez (Konsul)

Mailand (Teatro alla Scala) - Zur Saisoneröffnung griff die Scala auf einen ihrer größten Misserfolge in der Geschichte zurück – auf die Welturaufführung von Puccinis „Madama Butterfly“ am 17. Februar 1904 an der Mailänder Bühne. Nachdem die Inszenierung beim Publikum wie bei der Kritik durchgefallen war, veränderte der tief enttäuschte Komponist das Stück durch Kürzungen und Umstrukturierungen (u.a. drei statt zwei Akte). Ein paar Monate später gelang der Butterfly nach einer Neuinszenierung in Brescia ein triumphaler Neustart. Heute gehört die tragische Geschichte um die treue Cio-Cio-San aus Nagasaki und ihre enttäuschte Liebe zu dem amerikanischen Marineoffizier F.B. Pinkerton weltweit zu einer der meistgespielten Opern.

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im Kino: In guerra per amore

Die Übernahme von Führungsrollen durch die Mafia bei Kriegsende auf Sizilien von Pif mit den Mitteln der Komödie erzählt

copyright Wildside produzione

Mit der Army zurück in die Heimat: Pif (Pierfrancesco Diliberto) als US-Soldier

Mailand (Cinema Anteo) - Das ist nicht die erste filmische Erzählung über die Landung der angloamerikanischen Truppen auf Sizilien im Juli 1943. Und über die Rolle, die dabei die Mafia gespielt haben soll. Aber sie wurde vielleicht noch nie so persönlich in eine Liebesgeschichte eingebettet und mit Mitteln der Komödie erzählt, wie es der Regisseur und Schauspieler Pierfrancesco Diliberto „In guerra per amore / Aus Liebe in den Krieg“ macht.

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im Theater: Vangelo

Pippo Delbono über Jesus Christ Superstar und Menschen an den Rändern der Existenz

copyright Luca Del Pia/Piccolo

Anarchisch und nicht politisch korrekt: Pippo Delbono

Mailand (Piccolo Teatro) – „Warum machst Du nicht ein Stück über das Evangelium, Pippo? Die Welt hätte ein Zeichen der Liebe nötig.“ So erzählt Pippo Delbono im Off, während auf der Bühne nur leere Stühle zu sehen sind, von der Bitte seiner katholischen Mutter wenige Tage vor ihrem Tod. Ein Zeichen der Liebe? Was bedeutet Liebe heute? Der 57jährige Autor und Schauspieler aus Ligurien, der an keinen Gott und keine Kirche glaubt und sich seit Jahren zum Buddhismus bekennt, fing an sich an seine Jugend als Messdiener zu erinnern. Und an die Geschichte des Christentums, seine Symbole, an die Worte des Evangeliums und daran, wie Menschen heute miteinander umgehen. Er sammelte wie immer bei seiner Arbeitsweise Material im Privaten wie im Öffentlichen, Bilder bei eigenen Krankenhausaufenthalt wie in Flüchtlingslagern.

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